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Rezension: Sachbuch : Sie sehen doch sonst normal aus

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Eine irritierende Studie zur Biologie seelischer Störungen

          3 Min.

          Was den Menschen von anderen Arten signifikant unterscheidet, ist sein Drang, sich selbst zu erforschen. Dabei liegen Segen und Fluch oft eng beieinander. In der Medizin verwischen die Grenzen zusehends. Nicht nur die Gentechnologie wird zu einem Albtraum der Zukunft, auch die Entwicklung der Neurobiologie kann einen das Fürchten lehren. Geisteskrankheiten waren seit jeher eine Herausforderung für jede Gesellschaft. Im christlichen Mittelalter bezeugten sie die Existenz des Teufels, in vielen Kulturen der Neuzeit haben noch immer Dämonen ihre Hand mit im Spiel. Die moderne Wissenschaft der Psychiatrie wähnte sich schon oft der Lösung des Rätsels nahe. Sie war immer von den biologischen Grundlagen dieser Störungen überzeugt. Die stärkste Konkurrenz erwuchs ihr in diesem Jahrhundert durch die Psychoanalyse, die die seelischen und umweltbedingten Ursachen stärker betonte.

          Die enormen Fortschritte der Medizintechnologie bei den Durchleuchtungs- und Bildgebungsverfahren haben auch die Erforschung der Gehirnfunktionen und ihrer Störungen revolutioniert. Den neuen Erkenntnissen der Neurobiologie und biologischen Psychiatrie verdanken wir die höhere Wirksamkeit der Psychopharmaka in der Therapie der schweren Erkrankungsformen. Wohin aber der neurobiologische Weg führt, macht das irritierende Buch von John Ratey und Catherine Johnson deutlich.

          Es ist das jüngste Beispiel für die wachsende Zahl amerikanischer Buchimporte über die Biologie seelischer Störungen. Ratey lehrt an der Harvard Medical School biologische Psychiatrie. Gemeinsam mit der Sachbuchautorin Johnson entwickelte er das Konzept des "Schattensyndroms". Es fasst alle seelischen Auffälligkeiten zusammen, über die der Volksmund schon immer Bescheid wusste: Jemand hat einen "kleinen Schatten" oder einen "leichten Dachschaden", bei ihm "tickt es nicht richtig", in jedem Fall "stimmt irgendetwas nicht mit ihm". Die Verdächtigungen zielen auf eine Unordnung im "Dachstübchen".

          Das "Schattensyndrom" liefert jetzt den Beweis. Wenn man dem Text folgt, gibt es nahezu keine Eigenarten oder seelischen Symptome, die nicht unter diese "leichten Formen schwerer psychischer Störungen", so die Definition, fallen. Mit "schweren psychischen Störungen" meinen die Autoren die klassischen psychiatrischen Krankheitsbilder wie Schizophrenien, endogene Depression, Manie, Autismus, Zwangskrankheit und die besonders im Kindesalter auftretenden "minimalen cerebralen Dysfunktionen". Die "Schattensyndrome" sind nach Ansicht der Autoren die milden Varianten der ausgeprägten Erkrankungen und haben wie diese ihre Ursache in einer gestörten Biologie des Gehirns.

          Ratey und Johnson feiern ihre Erkenntnis wie eine befreiende Botschaft für alle Betroffenen, ihre Angehörigen und das weitere Umfeld. Denn wenn ein Mensch zu Traurigkeit, Zwanghaftigkeit, Ängstlichkeit, Kontaktstörungen, Wutanfällen, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen oder zur Sucht neigt, sei es entlastend, die Ursache dafür in einem Fehler cerebraler Funktionsabläufe zu sehen statt in einer labilen Persönlichkeit. Im ersten Fall gibt es Trost und Hilfe durch die breite Palette der heute zur Verfügung stehenden Psychopharmaka. (Stellenweise wird man bei der Lektüre an die Reklamebroschüre einer pharmazeutischen Firma erinnert.) Auch könne man, wie das Schlusskapitel empfiehlt, für die "Pflege und Ernährung des Gehirns" im Sinne der Selbstverantwortung einiges tun.

          Die Autoren beschreiben als Beispiele für die verschiedenen "Schattensyndrome" ausschließlich Patienten, die sich seit Jahren in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung befanden, deren Störungen also mitnichten als "leicht" zu klassifizieren sind. Bei keinem wird irgendein hirnorganischer Befund mitgeteilt. Lediglich die Besserung der Symptomatik durch Medikamente soll ihre biologische Ursache belegen. Dabei tauchen psychosomatische Überlegungen in dem Buch nicht auf, zum Beispiel die Tatsache, dass seelischer Stress den Gehirnstoffwechsel erheblich verändern kann, dieser also nicht Ursache, sondern Folge einer seelischen Störung ist.

          Die Konsequenz der Methode gerät dort zur Leichtfertigkeit, wo sie einer nicht ungefährlichen Etikettierung von Mitmenschen Vorschub leistet und sowohl die zwischenmenschlichen und sozialen Entwicklungsbedingungen seelischer Störungen als auch das Problem des Medikamentenmissbrauchs und seiner Nebenwirkungen ausblendet.

          Irritierend bleibt das Buch durch die für jedermann aufgeworfene Frage, inwieweit er mit seinen persönlichen Eigenheiten und Schwierigkeiten wenn auch nur "leicht" geisteskrank ist und unter diskreten Abweichungen seiner Gehirnfunktionen leidet. So beachtlich die Fortschritte in der Neurobiologie auch sind, es gehört wohl noch lange in den Bereich der Sciencefiction, dass jeder Angstanfall, jede Verstimmung und jeder Zornesausbruch durch ein Hirnszintigramm diagnostisch lokalisierbar wird. So werden wir weiter mit der Ungewissheit leben müssen, warum der eine nur an einem aufgeräumten Schreibtisch arbeiten kann, während der andere für seine Kreativität das Chaos braucht.

          HORST PETRI

          John J. Ratey, Catherine Johnson: "Das Schattensyndrom". Neurobiologie und leichte Formen psychischer Störungen. Aus dem Amerikanischen von Max Looser. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1999. 444 S., geb., 78,- DM.

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