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Rezension: Sachbuch : Sie hat's nicht mehr mit den Klassikern

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Eine selbstkritische Bilanz der Archäologie / Von Michael Siebler

          Die Welt der Klassischen Archäologie scheint unverändert in guter, ja nach Ansicht einiger sogar in bester Ordnung zu sein; dieser Meinung mag auch mancher Vertreter des Faches selbst anhängen. Es gibt weiterhin Ausstellungen mit zum Teil hohen Besucherzahlen, an den Universitäten wird das Fach gelehrt wie eh und je, und die Medien berichten allenthalben von neuen Ausgrabungen. Alljährlich strömen die Touristen in Scharen an die Stätten, die "man" als Reisender in Sachen Kultur gesehen haben muß - nach Olympia oder auf die Akropolis in Athen, auf das Forum Romanum in Rom oder in die etruskischen Nekropolen von Cerveteri. Inmitten der Denkmäler scheint uns die Antike ganz nah, zwischen den Bildwerken in den Museen vertraut, haben wir doch viel über Kunst, Architektur und Kultur der Altvorderen gelesen und gehört.

          Aber wissen wir beim Gang über die Kaiserforen wirklich, was römische Senatoren oder Bürger über das Ausstattungsprogramm jenes Tempels dachten? Kennen wir die Gründe, warum ein Hausherr gerade dieses Bildprogramm für das Triklinium seines pompejanischen Wohnhauses in Auftrag gegeben hat? Verstehen wir tatsächlich die inhaltliche Bedeutung des Parthenonfrieses, den wir als großes Kunstwerk attischer Klassik zu bewundern gelernt haben?

          Solche Fragen traten früher gegenüber einer ästhetischen Bewertung der Denkmäler als autonome Kunstwerke und einer chronologischen Einordnung eher in den Hintergrund. Gerade heute aber interessieren uns die Menschen "dahinter", wie sie lebten, dachten, fühlten. Eine solche Betrachtungsweise stellt neue Anforderungen an die Klassische Archäologie und veranlaßt sie dazu, ihren Umgang mit den zur Verfügung stehenden Quellen zu überdenken. Das betrifft die Funde im Boden wie die Objekte in den Museen. Dabei wird deutlich, daß wir auf unsere Vertrautheit mit der griechisch-römischen Antike nicht einfach weiter bauen können, sondern nach anderen Möglichkeiten suchen müssen, um einem Verstehen der alten Welt näherzukommen. Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu, hat sich aber offenbar noch nicht durchgesetzt.

          So stellen die Herausgeber des Bandes "Klassische Archäologie", Adolf H. Borbein, Tonio Hölscher und Paul Zanker, fest: "Während das ,klassische Altertum' im kulturellen Bewußtsein der Gegenwart, gemessen an früheren Generationen, zu einer fremden Kultur geworden ist, nimmt man innerhalb der deutschen Altertumswissenschaft im Banne der klassizistischen Tradition vielerorts die antiken Kulturen noch immer als etwas Vertrautes wahr." Angesichts dieses Urteils ist es um so erfreulicher, wenn Vertreter der deutschen Klassischen Archäologie zusammen mit internationalen Kollegen einen aktuellen Cicerone für das Fach vorlegen, der dem Leser "einen möglichst weiten Einblick in die theoretischen Konzepte und praktischen Tätigkeiten, die Leistungen und Defizite der Klassischen Archäologie" eröffnet.

          Mit diesem Ziel ist ein Buch entstanden, das denjenigen, der sich für die historischen Meilensteine und wissenschaftlichen Möglichkeiten, für die kulturgeschichtlichen Bedingungen und Fehlentwicklungen des Faches interessiert, umfänglich unterrichtet - und das so explizit und kenntnisreich wie außerhalb des akademischen Zirkels bisher nicht geschehen. Neben den scheinbar "klassischen" Themen wie Ausgrabung, Denkmalpflege, Bau- und Stadtforschung wird dem Thema "Archäologie, Tourismus und Gesellschaft" ebensoviel Raum gegeben wie etwa der Frage nach den Formen von "Repräsentation", der "Archäologie der Heiligtümer", dem Thema "Gender Studies" oder der "Archäologie des Handels". Der eigenen Positionsbestimmung hilfreich ist der Blick auf die Archäologie in den englischsprachigen Ländern und in Frankreich, wofür Anthony Snodgrass sowie Alain Schnapp und François Lissarrague gewonnen werden konnten.

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