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Rezension: Sachbuch : Selber, selber!

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Nach dem neuen Buch des katholischen Systematikers und Küng-Schülers Hermann Häring ist Ratzinger der Robespierre des Vatikans - wegen der Köpfe, die er rollen läßt. Nun ist eine solche Apostrophierung nicht neu. Als "Kratzinger" - so die poetisch inspirierte Verschlüsselung - ist er schon in Gerd Theißens "Schatten ...

          Nach dem neuen Buch des katholischen Systematikers und Küng-Schülers Hermann Häring ist Ratzinger der Robespierre des Vatikans - wegen der Köpfe, die er rollen läßt. Nun ist eine solche Apostrophierung nicht neu. Als "Kratzinger" - so die poetisch inspirierte Verschlüsselung - ist er schon in Gerd Theißens "Schatten des Galiläers" der kleinkarierte Wissenschaftsgeier, und gemäß der "Verschlußsache Jesus" der Journalisten Baigent und Leigh enthält er der Menschheit Qumranrollen mit Informationen über Jesus vor. Bei Häring ist er der "ehemalige Fachkollege", der Großinquisitor und schließlich auch der apokalyptische "Würgengel"(!).

          Doch seltsam - was als Generalabrechnung aufgemacht ist, wird bei Häring unterderhand und sicher gegen den Willen des Autors zu einem recht deutlichen Lob. Denn wenn es heißt, der Kardinal sei Betonarbeiter an den Fundamenten der Kirche, so ist das ein Lob biblischen Ausmaßes, rückt es ihn doch in die Nähe des "Felsens" Petrus. Und wenn es als Makel gilt, an den Konzilien der Alten Kirche festzuhalten, dann werden Luther und evangelische Systematiker diesen Makel dankbar teilen. Überhaupt ist der griechische Geist der Alten Kirche nach Häring an allem schuld. Welche Ehre wiederum für den Kardinal, so direkt in die Nähe der drei großen kappadokischen Kirchenväter gerückt zu werden. Denn wer auch nur einmal die beiden Gregors und Basilius gelesen hat, wird sich der Faszination ihrer wirklichen Größe kaum entziehen können. Häring könnte sein Fach gar nicht lehren, wenn sie nicht der Kirche hochkarätig beigebracht hätten, was Theologie ist. Und wenn dem Kardinal nachgewiesen wird, sein Lebenswerk sei theologisch eine Einheit, so ist das zweifellos ein Lob der Geradlinigkeit und Konsequenz. Daß Ratzinger nun seinerseits Bonaventura und damit viel von der Theologie des ersten Jahrtausends und des Ostens zur Geltung gebracht hat, darf man gleichfalls als ein Verdienst ansehen.

          Der erste Hauptteil des Buches läuft auf eine "Kommentierung" des Schreibens "Dominus Jesus" zu. Satz für Satz wird der Nachweis versucht, der Kardinal sei dumm, dialogunfähig und so weiter. Eine schulmeisterliche, allzu erkennbar ressentimentgeladene Auslegung, die letztlich auf Häring zurückfällt. Das Ganze hat Sandkastenniveau: Wenn der Kardinal die Diskussion um sein Schreiben als langweilig bezeichnet, muß ihm Häring unbedingt bescheinigen: "Selber langweilig! Selber, selber." Wenn es doch wenigstens irgendwo um die Sache ginge, um Theologie oder deren Geschichte. Statt dessen nur muffige Werturteile "von der Stange". Selbst der neu ernannte Kardinal Kasper, bisweilen doch als theologischer Gegenspieler Ratzingers gehandelt, bekommt in Fußnoten immer wieder sein Fett, ohne daß in der Sache etwas plausibel würde.

          Fragen wir also nach Alternativen, die Häring gegen den von Ratzinger bemühten "Logos" der griechischen Wissenschaft (den dieser durchaus vom Logos nach Johannes 1,1 zu unterscheiden weiß) zu bieten hat. Angepriesen werden "Schwulen- und Lesben-Theologien". Immer wieder wird das "wunderbare" Buch der Feministin Elisabeth Schüssler-Fiorenza gepriesen. Nun ist über deren Anliegen hier nicht zu urteilen, doch man darf die Frage stellen, ob Frau Schüssler-Fiorenza überhaupt bereit ist, Theologie wissenschaftlich zu betreiben. Auf die Frage nach den Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens in der Theologie kann man von ihr auf Seminaren die Antwort hören, die Kirche solle tunlichst notfalls im "Dienst der Menschheit" sich selbst aufgeben. Und an der Stelle des Kardinals werden uns von Häring als theologische Meisterdenker Hinkelammert und Mokofeng empfohlen (beide ohne Publikationen laut Literaturverzeichnis).

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