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Rezension: Sachbuch : Seine Rede sei poetisch

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In Film "Die Eule und das Kätzchen" von Herbert Ross aus dem Jahr 1969 spielt George Segal den Schriftsteller Felix, der seine Nachbarin Doris (Barbra Streisand) beim Vermieter anschwärzt, weil diese Herrenbesuche empfängt. Doris wird an die Luft gesetzt und will sich dafür an Felix rächen, doch man kommt sich näher.

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          In Film "Die Eule und das Kätzchen" von Herbert Ross aus dem Jahr 1969 spielt George Segal den Schriftsteller Felix, der seine Nachbarin Doris (Barbra Streisand) beim Vermieter anschwärzt, weil diese Herrenbesuche empfängt. Doris wird an die Luft gesetzt und will sich dafür an Felix rächen, doch man kommt sich näher. Felix liest ihr aus seinem Roman vor, der ungefähr so anfängt: "Die Sonne spuckte den Tag aus." Er muß dem begriffsstutzigen leichten Mädchen erklären, daß eine Sonne unter bestimmten Umständen spucken kann - in der poetischen Rede -, aber als Zuschauer merkt man, daß das prätentiöser Schwachsinn ist, der von unverbildeten Menschen schnell durchschaut wird.

          Dieter Bohlen hält sich - das geht aus jeder seiner Lebensäußerungen hervor - für einen besonders schweren Jungen: "Baujahr 1954", wie der Klappentext seiner soeben erschienenen Autobiographie in typischer Malochersprache informiert. Und gemessen an seinem kommerziellen Erfolg, der ohne Beispiel ist in der deutschen Unterhaltungsmusik, ist er das auch. Daß er beim Schreiben auf die Dienste einer Frau zurückgegriffen hat, die man für ein leichtes Mädchen halten könnte, paßt ins Bild. Katja Kessler aber ist eine Person, die mit ihren in der "Bild"-Zeitung ausgebreiteten Anzüglichkeiten vermutlich größeren Einfluß auf die Meinungsbildung hat als Sabine Christiansen und Maybrit Illner zusammen. Man muß nicht selbst von den Kampagnen dieser Zeitung betroffen sein, um in ihr ein "Organ der Niedertracht" (Max Goldt) zu sehen - es reicht, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie dort mit dem Stammpersonal der immergleichen Geschichten umgesprungen wird.

          Doch es gibt auch Begünstigte, denen selbst der Schmutz nichts anhaben kann; Dieter Bohlen gehört zweifellos dazu und ist in dieser Hinsicht nur noch mit Thomas Gottschalk, Boris Becker, Franz Beckenbauer und Michael Schumacher zu vergleichen. Daß er sich bei der Aufdeckung seiner schmierigen Affären dennoch ungleich behandelt fühlt, beruht auf einem Wahrnehmungsfehler: "Ich bin ja auch nur ein Popstar und kein Pfarrer." Ein Pfarrer ist er wahrhaftig nicht und ein Popstar nach Meinung seriöser Kritiker auch nicht. Was dann? Ein Mann, der es mit Hartnäckigkeit, Chuzpe, Talent und außerordentlichem Instinkt für den Massengeschmack vom norddeutschen Dorfjungen zu einer Kassenattraktion gebracht hat, die auch in der Sowjetunion bejubelt wurde. Wie die genannten großen Vier aus Deutschland hat er etwas erreicht, wovon viele träumen: ein Leben ohne Personalausweis.

          "Nichts als die Wahrheit" heißt das Buch eines arbeitsreichen Lebens, in dem privat eine Dummheit an die andere gereiht wird, ohne daß auch nur einmal so etwas wie Besinnung aufkeimte. Der Mangel an Vernunft, den Bohlen hier offenbart und der auf jeden zurechnungsfähigen Menschen empörend wirken muß, ist aber noch nichts gegen die Bloßstellungen der einschlägigen Frauen, die in seinem Leben eine so lächerliche Rolle spielten. Die Kapitel über die gleichermaßen phlegmatische wie angeblich trunksüchtige Nadja ab del Farrag und die undurchsichtige, durchtriebene Verona Feldbusch gehören in ihrer Rücksichtslosigkeit buchstäblich zu den dunklen dieses Buches, das man in diesem Sinne auch ein Organ der Niedertracht nennen könnte.

          Aber das ist nicht alles. Man kann aus dem Buch viel lernen: zum einen über eine bestimmte, von der "Bild"-Zeitung geschaffene und ununterbrochen angeheizte Öffentlichkeit, über deren niedere Denkungsart und den Hang zur Schadenfreude; zum anderen und dies in besonderem Maße über die Lebens- und Arbeitsbedinungen des Musikgeschäfts. Was Bohlen hier mit viel Gespür für die Unzulänglichkeiten seiner Konkurrenz mitzuteilen weiß, entschädigt für manchen Schwachsinn, der vorab bereits von der "Bild"-Zeitung veröffentlicht wurde. Er besticht dann geradezu mit einer Schnörkellosigkeit und Lakonie, die an Kempowski und Lindenberg gleichermaßen erinnert.

          Erstaunlich auch, daß Dieter Bohlen immer zu wissen scheint, wen er vor sich hat. So verächtlich er von abgehalfterten Großsprechern wie Drafi Deutscher und Nino de Angelo spricht, so sehr bewundert er die Professionalität eines Peter Alexander, der seine Texte lernt, bevor er ins Studio kommt. Anrührend und nobel erzählt er von Roy Black, der ihm wie ein scheues, gehetztes Tier vorkam und dem er zu spätem Erfolg verhalf. Und er, der niemandem mit ästhetischen Ansprüchen kommt, hat nicht vergessen, woher er kommt, und sich eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt. Seinen alten Kollegen Thomas Anders von "Modern Talking" führte er zur Versöhnung und Wiedervereinigung zum Essen aus. Es gab Kartoffeln mit Gulasch, "alles für elf Mark". Wie er davon schwärmt, das wiegt manches ordinäre und zum Teil auch richtig dumme Gerede auf.

          Dieter Bohlen hat es, wie er sagen würde, ausgespuckt: sein bisheriges Leben - eine aufschlußreiche Existenz, zu deren Gelingen es kein Rezept gibt. Spucken - das tun in diesem Buch sonst nur Türen: "Die Tür ging auf und spuckte aus: ein paar Polizisten." Wahrscheinlich ist das poetisch gemeint.

          EDO REENTS

          Dieter Bohlen mit Katja Kessler: "Nichts als die Wahrheit". Heyne Verlag, München 2002. 330 S., Abb., geb., 20,- [Euro].

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