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Rezension: Sachbuch : Segeln auf Leben und Tod

  • Aktualisiert am

Eine sachliche, australische Heldensaga

          2 Min.

          Wer nach Lektüre dieses Buches immer noch rund um die Welt segeln will oder "nur" von Südneuwales nach Tasmanien, sollte es auch tun. "Tödlicher Sturm" ist das Protokoll der Hochseeregatta von Sydney nach Hobart zur Jahreswende 98/99. Für sechs der 1135 Teilnehmer endete sie tödlich. Es grenzt an ein Wunder, daß damals, angesichts von Windstärken um die 80 Knoten und bis zu 25 Meter hohen Wellen, nicht mehr passierte. Die Schilderung des australischen Journalisten Rob Mundle, der die Erlebnisse der am schwersten vom Orkan getroffenen Crews nacherzählt, ist zugleich ein Loblied auf die Helfer der größten Such- und Rettungsaktion auf hoher See in Friedenszeiten. Eine ebenso gründliche wie sachliche Heldensaga.

          Das Sydney-Hobart-Rennen war von jeher unberechenbar, doch was die Teilnehmer vor zwei Jahren erlebten, übertraf alles bisher Dagewesene. Der Klassiker begann traditionell als maritimes Volksfest. Die erste Etappe entlang der Küste, als die Sonne noch den Rücken wärmte, glich einer flotten Schlittenfahrt über Neuschnee. Doch dann wurde alles bis an und über die Grenzen belastet: die Festigkeit des Rumpfes, die der Segel, die der Mannschaft.

          Das Leben auf einer Hochseeyacht ist bestenfalls beengt, bei rasendem Sturm aber ist es erbärmlich. Unter Deck geht es zu wie in einem schmalen, winzigen Wohnwagen. Es gibt kaum Stehhöhe; weil die Kojen nicht ausreichen, liegen die meisten Leute auf nassen Segelsäcken auf dem Fußboden. Alles ist durchnäßt, Menschen erbrechen sich, Wasser überspült die Bodenbretter, es ist angereichert mit Dieselkraftstoff. Im aktuellen Fall hatte es eine Kluft zwischen der Wettervorhersage und der Wirklichkeit gegeben. Seinerzeit, gerade aus der Ferne in Europa, war ein Abbruch des Rennens gefordert worden. Als wenn man damit schlagartig die Gefahr an Ort und Stelle hätte minimieren können. Selbstquälerisch fragten sich die Segelfreunde auf dem fünften Kontinent nach den richtigen Entscheidungen in den Stunden der Seenot. Für den Rückweg in den nächsten Hafen mußte mindestens ein halber Tag oder eine Nacht kalkuliert werden. Die meisten Skipper, nach dem Reglement allein verantwortlich für Schiff und Mannschaft, traten die Flucht nach vorn an.

          Niemand unterschätze jene Eigenschaften, auf die sich Australier seit Pionierzeiten berufen: Wagemut, Beharrlichkeit, Kameradschaft. Im Inferno der Brecher mit absurden Proportionen, das Schiffe wie Korken auf den Wellenkämmen tanzen ließ, sie untertauchte, umherwarf, praktizierten sie "Mateship", die landesübliche Auffassung vom "Für-den-anderen-Da-sein". Selbst dann, wenn man das eigene Leben riskiert. "Der Lärm des Sturms hörte sich an wie ein Schnellzug, der auf einen zukommt", schildert ein Augen- und Ohrenzeuge. "Die Wellenkämme kamen wie schneebedeckte Berge daher. Der Wind heulte nicht mehr, sondern er kreischte. Ein sehr schrilles Geräusch, wie aus einer Trillerpfeife."

          "Hochseerennen finden im Stadion des Lebens statt", hat ein alter Fahrensmann gesagt, "das Ganze hat etwas von ,Warum klettert jemand auf den Mount Everest?'" Manche der Männer und Frauen des Katastrophenrennens wollten nie wieder hinaus auf die See und waren am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 und 2000 doch wieder am Start. "Ich glaube", hat einer gesagt, "das ist so ähnlich wie für eine Frau die Geburt. Man neigt dazu, das Schlimme zu vergessen, und will es wieder." Sechs von 1135 bekamen nicht einmal diese Chance.

          ley.

          Besprochenes Buch: "Tödlicher Sturm" von Rob Mundle, 320 Seiten, 42 Mark, Delius Klasing Verlag, Bielefeld.

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