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Rezension: Sachbuch : Seele, dein Heiland ist frei von den Banden

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Manfred Lütz therapiert die katholische Kirche, indem er frohgemut Blockaden beiseite räumt

          Die katholische Kirche ist - speziell in Mitteleuropa - im Zustand einer fortgeschrittenen Alkoholikerfamilie, "hinreichend marode". Man klagt, kann aber nichts ändern, denn das müssen immer "die anderen". Oder man setzt utopische Ziele - der beste Weg, um jede Änderung zu verhindern ("Utopiesyndrom"). Kurzum: Eine solche Kirche bedarf einer Systemtherapie durch den Chefarzt eines rheinischen Krankenhauses für Psychiatrie. Eines Arztes, der scharf beobachtet, übersprudelt von Witz und Humor und der aus tiefer Liebe der alten Dame katholische Kirche wieder den Weg zum Lichtschalter zeigt. Dieser Arzt ist Manfred Lütz, dessen Unternehmen immerhin durch Seine Zelebrität Paul Watzlawick vorwortlich abgesegnet ist. In der gegenwärtigen etwas tristen kirchlichen Situation hierzulande ist Manfred Lütz ein Geheimtip. In seinem Buch "Der blockierte Riese" - gemeint ist: die katholische Kirche - schreckt er vor keiner kritischen Frage zurück: Ist der Riese vielleicht schon tot? Sind es nicht vor allem die innerkirchlichen Fronten der Progressiven und Konservativen, die die Kirche fertig machen? Doch diese Krise ist nicht die erste, wie Lütz immer wieder im Rückgriff auf die Kirchengeschichte zeigt. Setzte nicht die erste große Krise ein, als die Kirche, wie Lütz anmerkt, zur FDP des Römischen Reiches wurde? Christsein bedeutete eine Karrierechance, und irgendein Posten war immer zu haben.

          Nun ist das Verhältnis von Psychiatern zur Kirche in den letzten Jahrzehnten nicht immer glücklich. Eugen Drewermann bescheinigt Lütz das "hemmungslose Bedienen aller antikirchlichen Klischees", und viel zu viele Kirchenfunktionäre haben längst psychologische Halbbildung zum Ersatz von Theologie und Seelsorge gemacht. Im Unterschied zu dieser ganzen "Gemeinde" ist mit Lütz nun der Fachmann am Werk, und er legt das ganze System auf die Couch. Sein Weg: Nicht endlos nach Ursachen bohren, sondern stets zukunftsgerichtet (und damit ganz biblisch) fragen: Was hat eigentlich geholfen, die Krisen zu überwinden? So wie man einen Alkoholiker fragt: "Wie konnten Sie das nur so lange aushalten?" Denn so hört das Klagen auf, und dann werden plötzlich die Ressourcen sichtbar, von denen ein Mensch lebt. Auf die Kirche angewandt: Was treibt Menschen trotz aller Widrigkeiten zu Millionen in die Kirche?

          Ressourcen, das ist das Stichwort dieses Buches. Und das bedeutet: vor allem immer die Kräfte des Patienten würdigen und stärken. Indem er genau hinsieht, kann Lütz mit aristokratischer Souveränität immer wieder alles beiseite räumen, was an Selbstblockaden den Zugang zu den Ressourcen versperrt. Die Leichtigkeit im Abbauen der Barrieren ist das, was an diesem Buch am meisten beeindruckt. Nein, im Keller der Kirche liegen nicht nur Leichen; das scheint nur so für den, der mit dem Müllauto durch die Kirchengeschichte fährt. Im Keller der Kirche liegen massenhaft ungehobene Schätze menschlichen und geistigen Reichtums. Wie konnte und kann man nur immer wieder gezielt daran vorbeisehen? Es kann doch nicht wahr sein, dass mancher christliche Professor der Theologie sein Heil nur noch im Tai Tschi sieht und mancher Mönch das seine im Buddhismus.

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