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Rezension: Sachbuch : Schwermut war es, nicht die scharfglänzende Schminke

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Das Dasein stirbt, solange es existiert: Mit seiner Zeitreise in das Jahr 1926 beweist Hans Ulrich Gumbrecht, daß der Historiker auch über eine gute Nase verfügen muß / Von Thomas Wirtz

          Es war einmal vor langer Zeit, daß die Kunstdenker über die Trockenfrüchte ihrer Arbeit nur mit bitterer Miene sprechen konnten. Jeder ihrer Sätze sah aus, als sei er im letzten Augenblick erst dem Tod von der Schippe gesprungen. Kopf und Kragen, so sagte der Kunstdenker zwischen den Zeilen, habe er bei der Romanlektüre riskiert und für jedes Buch eine Gefahrenzulage verdient. Vor allem Adornos "Ästhetische Theorie" glänzte im Schwarzlicht der Apokalypse, ihre bevorzugte Gangart war der Untergang. "Glück an den Kunstwerken", sprach Adorno mit trauerflorbelegter Stimme, "wäre allenfalls das Gefühl des Standhaltens." Die Literaturgeschichte ist das Standgericht: Unter den Lesern sind nur wenige Überlebende zu beklagen. Als Hinterbliebene ihrer eigenen Lektüre hatten sie mit Lebensfreude zu bezahlen, ihre Bibliothekskarte glich einem Versehrtenausweis.

          Adornos Ästhetik erzählt diese Leidensgeschichte mit Kopfstimme. Sie vermeidet alle Anspielungen aufs Körperliche, das die Kunst ihrem Betrachter antun könnte. Der reine Geist denkt ans Gefühl zuletzt. Kunstwerke, dekretierte Adorno, seien "keine Genußmittel höherer Ordnung", ihre "Einverleibung" sei undenkbar. Übertritt der Körper aber das Berührungsverbot und kommt er der Kafkaschen Prosa zu nah, dann wird er durch eine heftige Abwehr belehrt: Es folgt der "Schock des Zurückzuckens, Ekel, der die Physis schüttelt". So kategorisch Adorno den Geist in sein Leserecht einsetzt, so einfallsreich ist er in den vorgestellten Körperstrafen. Sinnlichkeit denkt er nur als vernichtete, ein Verhältnis zu ihr findet er allenfalls in der Tortur. Damit ist die Metapher des Geschmacks, diese ehrwürdige Vokabel aus alter Tradition, erledigt. Adorno erklärt sie zum Leibhaftigen, der aus der Kunstwelt vertrieben werden muß: "Wer Kunstwerke konkretistisch genießt, ist ein Banause; Worte wie Ohrenschmaus überführen ihn." In dieser Theorie bleibt die Küche kalt.

          Solche Leibfeindlichkeit mußte zu einem Pendelschlag führen. Der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht, Verfasser einer spanischen Literaturgeschichte, akademischer Wanderer zwischen den Kontinenten und Gattungen, Zeitgeistbetrachter und Theorienkenner, hat nun eine große Studie vorgelegt: "1926" resümiert - eurozentrisch und literaturversessen, kulturhistorisch breit und polemisch zugespitzt, zuweilen melancholisch und fast immer anregend - "ein Jahr am Rand der Zeit". Eingelassen in das Buch sind Sätze, die sich wie ein vergnüglich-trotziges Widerspiel zu Adornos Askese lesen lassen. Sie verstecken sich nicht im Seitenhieb, sondern treten als Frontalangriff hervor, es sind unverschämte Sätze, die sich an ihrem eigenen Wagemut sichtlich erfreuen.

          Ziel seines Unternehmens sei es, sagt Gumbrecht, die Vergangenheit "zu berühren, zu riechen und zu schmecken". Und in forscher Attacke auf den Adorno geschulten Leser: "Man sollte das Gefühl haben, ,im Jahr 1926' zu sein. Je unmittelbarer und sinnlich spürbarer diese Illusion wird, in desto höherem Maße wird Ihre Lektüre das Hauptziel des Buches erfüllen." Diese Freundlichkeit ist ein Affront. Gumbrechts Wunsch, sich mit allen fünf Sinnen in das eine Jahr 1926 zu werfen, steht damit unter Naivitätsverdacht. Solchen Illusionismus hat man nur Zeitreisenden zugetraut, die das Vorabendprogramm gutbehelmt und kußgestärkt in die Vergangenheit katapultiert.

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