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Rezension: Sachbuch : Schrei nach Rückfettung

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Gabriele Lorenzer fotografiert grüne Gemütsoasen

          2 Min.

          Ein Putzeimer ist ein entmutigend profaner Gegenstand. Er erinnert daran, dass das Dasein hauptsächlich aus Alltagen besteht, an denen man nichts Bleibendes schafft, sondern nur den Straßenschmutz mit den Schuhsohlen in den Hausflur trägt. Wie viele andere Gegenstände des täglichen Gebrauches ist der Putzeimer ein Ding ohne jeden Esprit.

          Der Redaktion von "Öko-Test" muss diese Tatsache schmerzlich bewusst gewesen sein, als sie Mitte der achtziger Jahre damit begann, Alltagsprodukte auf Schadstoffe und Umweltverträglichkeit prüfen zu lassen. Zu der tristen Normalität, die Dingen wie Waschmaschinen, Kopierern oder Wasserfiltern ohnehin anhaftete, kamen nun noch niederschmetternde Testergebnisse über Schwermetalle und Giftstoffkonzentrationen. Wie sollte man das im Heft bebildern, ohne dass die Leser ganz und gar verdrießlich würden? Man wandte sich an die Fotografin Gabriele Lorenzer, deren Name nur wenigen bekannt war, die ihre verrückt-verträumten Fotobilderbücher für Kleinkinder bewunderten. Fotos von ihr dagegen kannte in den siebziger Jahren fast jedes Kind. Sie gestaltete 1969 das millionenfach verbreitete Ravensburger "Junior-Memory". Auf jedem Kärtchen war ein Gegenstand aus der Natur zu sehen: Ein Ei, ein Schneckenhaus, ein Kiefernzapfen. Als Solitäre auf einfarbigem Grund ruhend, bekamen diese Dinge etwas Bemerkenswertes, das über die Spielaufgabe des Einprägens hinausging, sie wurden zum Emblem.

          Gabriele Lorenzers Fotografien für "Öko-Test", die jetzt in einem schönen Band gesammelt erschienen sind, wirken in ihrer Gesamtkonzeption ebenfalls wie Bilder für ein ganz eigenes "Memory": Sie inszenieren den Gegenstand in neuer Umgebung oder reduzieren ihn auf seine ursprüngliche Funktion, zeigen ihn im Paradox oder schmücken ihn übertrieben üppig aus. So entsteht aus Ding und Bild ein Paar, und die Spannung zwischen beiden verweist stets auf das Seltsame im Alltäglichen. Unwillkürlich merkt man sich diese Paare und versucht, ähnliche Verbindungen auch anderswo aufzudecken.

          Häufig ist das Testobjekt selbst gar nicht auf dem Bild. Zum Thema "Geschirrspüler" sehen wir einen jungen Mann an einem kleinen Holztisch sitzen, der mit konzentriertem Genuss seinen Teller ableckt. Das Bild zu "Körperlotionen" ist ein einziger Schrei nach Rückfettung: Die Nahaufnahme eines Elefantenschwanzes zeigt eine tief zerfurchte, rissige Hautlandschaft, harmonisch und ausgedörrt wie Wüstenboden. Die Motive treten oft einen Schritt zurück in die Vergangenheit, sie waren vor den zum Test angetretenen Produkten da und erfüllen deren Aufgabe auf schlichtere Weise. Nahe liegend ist das schöne alte, abgelaugte Waschbrett mit seinen Wellenrillen zum Waschmaschinentest, einleuchtend die Interpretation zum Thema Pumpzerstäuber: Das Profil eines jungen Mannes, der einen Wasserstrahl aus dem Mund herausprustet. Der Putzeimer zum Thema Öko-Putzschrank schließlich ist vom langen Dienst gezeichnet, weist Rillen und Furchen auf wie die Hand einer alten Frau, die viel gearbeitet hat.

          Gabriele Lorenzer sieht die Dramen im Unscheinbaren und sucht nach einer Inszenierung, die die Geschichte eines solchen Dramas am besten erzählen kann. Oder sie hält mit ihren an Alte Meister erinnernden Stillleben den Blick des Betrachters an. Es sind körnige, kontrastreiche Bilder, auf denen Flieder wie Porzellan schimmert und Früchte aussehen wie mundgeblasenes Glas, rau-weich und durchscheinend, eine Verführung zum Anfassen. Kostbar, heiter und verspielt sind die Einzelheiten unseres Alltags, daran erinnert Gabriele Lorenzers Öko-Memory. Man muss nur zu sehen wissen, schon decken sie sich von selber auf.

          MONIKA OSBERGHAUS

          Gabriele Lorenzer: "Menschen, Tiere, Phantasien". Umschau Braus Verlag, Heidelberg 2000. 128 S., geb., 68,- DM.

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