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Rezension: Sachbuch : Schöpfer der Gestalt

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Im Dante gewidmeten achten Kapitel von "Mimesis" (1946) blickt Erich Auerbach auf seine fünfzehn Jahre zuvor unter dem Titel "Dante als Dichter der irdischen Welt" veröffentlichte "Untersuchung über Dantes Realismus" zurück und gesteht, die "Grundlage" dieses Buches bildeten Gedanken Hegels, die dieser "auf einer der schönsten Seiten, die je über Dante geschrieben wurden", ausgesprochen habe.

          Im Dante gewidmeten achten Kapitel von "Mimesis" (1946) blickt Erich Auerbach auf seine fünfzehn Jahre zuvor unter dem Titel "Dante als Dichter der irdischen Welt" veröffentlichte "Untersuchung über Dantes Realismus" zurück und gesteht, die "Grundlage" dieses Buches bildeten Gedanken Hegels, die dieser "auf einer der schönsten Seiten, die je über Dante geschrieben wurden", ausgesprochen habe. Gemeint sind die Sätze, die Hegel in den "Vorlesungen über die Ästhetik" im Abschnitt über die romantischen Künste Dantes "Göttlicher Komödie" widmet: Dante, "der kühnste Geist seiner Zeit", habe "die lebendige Welt menschlichen Handelns und Leidens und näher der individuellen Taten und Schicksale" in das "wechsellose Dasein" von Hölle, Fegefeuer und Himmel gesenkt und lasse dort "die Figuren der wirklichen Welt nach ihrem besonderen Charakter" sich "auf diesen unzerstörbaren Grundlagen bewegen"; genauer: sie seien in ihrem individuellen "Handeln und Sein in der ewigen Gerechtigkeit erstarrt".

          Tatsächlich läßt sich Auerbachs Dante-Buch als eine große Ausfaltung dieser wenigen Sätze aus der Hegelschen "Ästhetik" lesen, denn dies sind seine Leitgedanken: Dantes "Commedia" entwirft im Prozeß der Jenseitswanderung ein Bild der irdischen Welt, den Gegenstand des Werks bildet das irdische Leben in seinem ganzen Umfang und Inhalt, das Dantesche Jenseits stellt damit eine Verewigung des Diesseits dar. Dies ist nicht zuletzt auf Dantes Menschendarstellung zurückzuführen, denn Dantes Jenseits wird von einem Kosmos von Gestalten bevölkert, deren jede ihre Eigengesetzlichkeit, also neben ihrem geistigen Wesen auch jene individuelle sinnliche Erscheinung bewahrt, die sie vor dem Tode besessen hat. So führen denn die das Werk bestimmenden Darstellungsprinzipien, seine "ungeheure Wirklichkeitstreue" und die "überwältigende Kraft empirischer Evidenz", dazu, daß Dante im Reich der Toten nur Lebenden begegnet - Lebenden von solcher nicht nur geistigen, sondern auch körperlichen Präsenz, daß Auerbach selbst das Wort von "Dantes Naturalismus" nicht verschmäht: "Sondern die Seelen des Danteschen Jenseits sind gar keine Toten, vielmehr die eigentlich Lebenden, die zwar die konkreten Daten ihrer Geschichte und ihres atmosphärischen Wesens aus dem früheren Erdenleben schöpfen, jedoch diese Daten in einer Vollständigkeit, Gleichzeitigkeit, Präsenz und Aktualität zeigen, die sie während ihrer Erdenzeit kaum jemals erreicht und gewiß niemals einem Beschauer offenbart haben." Die Gestalten, deren der Dichter im Jenseits ansichtig wird, haben nicht ihren irdischen Charakter verloren, sondern offenbaren im Gegenteil "die äußerste Steigerung ihres individuellen irdisch-historischen Wesens". Als "Verewigung durch die Mnemosyne des Dichters" hatte Hegel Dantes dichterisches Verfahren bezeichnet. Auerbach schreibt: "Keine Nachahmung gegenwärtiger Ereignisse kann wirklicher und wesenhafter sein als die Erinnerung in Dantes Jenseits."

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