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Rezension: Sachbuch : Schöner dichten mit Tendenzen

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Geschichte der deutschsprachigen Literatur von 1870 bis 1900

          Von allen Literaturgeschichten der letzten Jahrzehnte hat die de Boor-Newaldsche den Wechsel der Methoden und Etikette am besten überstanden. Daß sie aus dem Streit der Konzeptionen fast unbeschadet hervorging, verdankt sie ihrer Gliederung nach geschichtlichen Epochen und politischen Eckdaten. Damit unterlief sie den Neuigkeits- und Führungsanspruch der sogenannten Sozialgeschichte der Literatur, einem Lieblingskind der Verlage, das nicht recht erwachsen werden wollte. In Hansers Sozialgeschichte der Literatur schwor Gert Ueding mit seinem Band "Klassik und Romantik" der "sozialgeschichtlichen Strukturanalyse" als einem hier "unangemessenem Paradigma" ab. Der Rowohlt Verlag führt seine Reihe sozialgeschichtlicher Bände nicht fort. Das hat schon den Charakter eines Begräbnisses. Und der Neuansatz einer "Funktionsgeschichte der Literatur" ist über theoretische Konzepte nicht hinausgekommen.

          Also Rückkehr zum Alten? Das gewiß nicht. Nur ist die Zeit der vollmundigen Lippenbekenntnisse vorüber. Daß sozialgeschichtliche ebenso wie geistes- und mentalitäts-, kunst- und technikgeschichtliche Erklärungsmuster wesentliche Mithilfe leisten können, zeigt der neueste Band der de Boor-Newaldschen Reihe, Peter Sprengels "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870 bis 1900", der erste Band zur Literatur von der Reichsgründung bis 1918, dem Ende der Wilhelminischen Epoche. Ausdrücklich aber werden "die Texte und ihre Eigenart in den Vordergrund" gestellt. Allzu bescheiden freilich ist es, wenn Sprengel seiner Auswahl keinen exemplarischen Charakter zuerkennen möchte. Ohne klare Vorstellung, welchen Texten aus der Überfülle der Literatur der Vorzug gebührt, läßt sich eine Literaturgeschichte nicht schreiben.

          Was in anderen Literaturgeschichten als sozial- und kulturgeschichtlicher Abriß die Bände eröffnet, faßt Sprengel unter dem etwas konturlosen Begriff "Tendenzen der Zeit". Unter diesem allgemeinen Dach finden aber dann doch sehr bestimmte Bewegungsrichtungen ihren Platz: etwa das Ausgreifen der Technik, Kulturkampf und Bismarckkult, die Rolle der Sozialdemokratie, die Frauenbewegung, das Judentum zwischen Anpassung und Zionismus. Die Rezeption der Philosophie, die Entwicklung der Naturwissenschaften und die Vorgeschichte der Psychoanalyse werden unter "Geistige Grundlagen" gebündelt.

          Unter den "Institutionen" des damaligen literarischen Lebens bleibt für den heutigen Leser die Zensur ein Stein des Anstoßes. Gewiß war die Zeit vorbei, als man Schriftstellern einfach einen Maulkorb umhängen konnte. Die Verurteilung Wedekinds zu sieben Monaten und Oskar Panizzas zu einem Jahr Gefängnis zeigt gerade, wie der Freiheitsanspruch noch einmal mit einer Gesetzgebung zusammenstieß, die immerhin an die Aufhebung der Zensur (in Preußen 1850) gebunden war. Sprengel verweist auf das fortbestehende Machtinstrument der Theatervorzensur, also das Recht der Polizei, Bühnentexte zu prüfen und die Aufführung der Stücke oder einzelner Stellen zum "Schutz" von "Sittlichkeit" und "öffentlicher Ordnung" zu verbieten. Doch wäre der Eindruck falsch, dies sei eine preußische Sonderregel gewesen. Die Theatervorzensur bestand noch in fast allen Ländern Europas.

          Die Kapitel zu einzelnen literarischen Gattungen scheiden streng die Autoren der Schweiz, Österreichs und Deutschlands voneinander. Damit projiziert Sprengel heutige Autonomieansprüche in der österreichischen und der schweizerischen Literatur ins neunzehnte Jahrhundert zurück. Grillparzer wies aber das Lob von sich, der bedeutendste österreichische Schriftsteller zu sein, und wollte als deutscher Schriftsteller gelten. Gottfried Keller hielt (um 1880) die Trennung der schweizerischen von der "reichsdeutschen" Dichtung für unsinnig. Sprengel selber gibt zu, daß trotz der Gründung des "kleindeutschen" Reiches im Jahr 1871 ein epochaler Zusammenhang der Literatur zwischen Zürich, Wien und Berlin "über die Grenzen der Schulen, Gattungen und Qualitätsstufen hinweg" fortbestanden habe.

          Wie Sprengel als Literaturhistoriker kein Barrikadenstürmer ist, so kennt auch die Epoche, über die er schreibt, allenfalls kleine ästhetische Revolutionen. Selbst dann, wenn die Literatur gegen die wilhelminische Repräsentationsdramatik indirekt zu revoltieren scheint, etwa mit Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1881), bleibt das Theater konservativ, auch in Otto Brahms "Freier Bühne". Die Bühnenrevolution ereignet sich erst in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts.

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