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Rezension: Sachbuch : Schlag nach bei Zwentibold

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Keine Armenbibel: Das Lexikon des Mittelalters ist komplett

          8 Min.

          Was lange währt, wird endlich gut! Nun ist es soweit, die letzten beiden Bände des Lexikons des Mittelalters sind erschienen, und somit kommt ein ausgiebiger Schaffensprozeß zu seinem lange und teilweise begierig erwarteten Abschluß. Mehr als 14 Liter Tusche, über 62 weiche und harte Bleistifte, eine größere Anzahl von Radiergummis, 38 Zentner Papier, 160 Farbbänder, etliche Schreibmaschinen und ungezählte Liter an belebenden Getränken waren zu seiner Verwirklichung notwendig.

          Während für fast das ganze Spektrum der Erforschung der Antike bereits zahlreiche Nachschlagewerke vorhanden waren (von Paulys Realencyclopädie über Herbert Hungers Lexikon der griechischen und römischen Mythologie bis zum Reallexikon für Antike und Christentum), mußte man sich für die Zeit des Mittelalters, soweit etwa das frühe Mittelalter von den Altertumswissenschaften nicht dankenswerterweise mitbehandelt wurde, was etwa für die sogenannte Völkerwanderungszeit gilt, durch eine nahezu unüberschaubere Vielfalt von Werken hindurcharbeiten. Somit existierte für eine Periode europäischer Geschichte, der man großzügigerweise eine Dauer von über eintausend Jahren zubilligt (traditionell für unsere Breiten von 476, der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker, bis zum Beginn des sechzehnten Jahrhunderts - ob mit der Landung des Kolumbus in Amerika oder der Tätigkeit Luthers, ist ja mehr Geschmacksfrage denn wissenschaftliche Entscheidung), lange Zeit kein eigenständiges, möglichst umfassendes Nachschlagewerk.

          An diesem Umstand stieß sich offenbar auch Dieter Bührle, der 1965 das Lexikon der Alten Welt im Artemis Verlag Zürich herausgebracht hatte. Wie er kokett im Nachwort des neunten Bandes nun anmerkt, scheinen ihm "bei aller Verehrung für Achilles und Hektor Dietrich von Bern und der grimme Hagen lebensvoller". Also richtete er 1969 eine Zentralredaktion für das geplante Projekt ein, und binnen kurzer Zeit hatten sich beinahe hundert Wissenschaftler aus immerhin dreizehn Ländern bereit gefunden, ihr Scherflein beizutragen. Doch als spiritus rector eines solchen Unterfangens konnte Bührle sich keineswegs zurücklehnen, denn in diesem Stadium beginnt die eigentliche Arbeit erst so richtig. Jetzt will delegiert, selektiert, korrigiert, kurzum koordiniert sein! Die Redaktion wanderte in den siebziger Jahren nach München und arbeitete emsig weiter. Schließlich konnte 1980 der erste Band ausgeliefert werden, doch erst die Umstellung der kompletten Kartei auf elektronisch unterstützte Verarbeitung (dies wiederum hauptsächlich in Zürich) machte ein kontinuierliches zweijähriges Erscheinen der weiteren Bände seit 1988 möglich.

          Nun, mit Vorliegen des neunten und letzten Bandes, kann Bührle auf ein im großen und ganzen recht erfreuliches Ergebnis verweisen. Die mit der Zeit im Fortschreiten des Werkes gesammelten Erfahrungen haben zu einer Methode geführt, die Bührle als multidisziplinär bezeichnet wissen will und die im Zeitraum der Entstehung - und das werden heuer immerhin auch dreißig Jahre - stets bemüht war, auch die Entwicklung der Mediävistik selbst zu integrieren. Als großes Verdienst kann auf die Einbziehung der neuesten Strömungen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte hingewiesen werden.

          Was dieses Lexikon auch so bedeutend macht, ist die Einbeziehung vieler Regionen, die bislang in den Studien des Mittelalters eher Randthemen hergaben. Der Blick schweift von Portugal bis Byzanz, von Tunis bis Stavanger oder auch von Island bis an die Grenzen Chinas.

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