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Rezension: Sachbuch : Schlafmittel Salamitaktik

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Manches in diesem Buch wird richtig unfreiwillig komisch erst, wenn man die sehr durchsichtigen, bestimmt von den erfreulichsten Motiven angestoßenen strategischen Finten der Autorin einfach nicht gelten läßt und statt dessen stur zu Ende denkt, was sie einfach in den Raum stellt: "Marcel Prousts modernistisches ...

          Manches in diesem Buch wird richtig unfreiwillig komisch erst, wenn man die sehr durchsichtigen, bestimmt von den erfreulichsten Motiven angestoßenen strategischen Finten der Autorin einfach nicht gelten läßt und statt dessen stur zu Ende denkt, was sie einfach in den Raum stellt: "Marcel Prousts modernistisches Meisterwerk ,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' ist ein Paradestück des literarischen Kanons der männlichen Homosexuellen", beginnt da zum Beispiel ein Aufsatz, und auch wenn Mieke Bal den damit erzeugten engen Horizont sofort erweitert, indem sie empfiehlt, "auch die Theorien des Feminismus und des Lesbianismus" sollten sich "dieses Buchs annehmen", wird man das Gefühl nicht los, der Gedanke wäre noch einen Tick präziser und freilich lächerlicher geraten, wenn das "Paradestück" nicht nur aus dem Kanon der männlichen Homosexuellen ganz allgemein, sondern vor allem der französischen herausragen würde.

          Was die Frau, deren Vorbehalte gegen die neueren, oft "Cultural Studies" genannten Kulturwissenschaften sie zum ihrer Ansicht nach sinnvolleren Begriff "Kulturanalyse" geführt haben, da eigentlich sagen will, ist ja nicht gänzlich dunkel: Sie ist sich im klaren darüber, daß es noch ein paar inklusivere und universalistischere Ruhmeslisten als die der männlichen Homosexuellen gibt - unter anderem den von ihr selbst schon als Zwischenakkord angeschlagenen "Modernismus" -, in denen Prousts Lebenswerk als bedeutend gilt. Aber was sie beabsichtigt, ist weder die nachträgliche Partikularisierung Prousts noch die Aufwertung des Geschmacks einer Minorität (im Deleuzeschen Sinn) durch Betonung von deren über ihre Grenzen hinaus konsensfähiger Proust-Verehrung, sondern die Verwischung der Unterscheidung zwischen einer Kultur und den theoretischen, analytischen, reflexiven Bestimmungen, die von den an ihr Teilhabenden entwickelt wurden, um sich zu erklären, was sie da tun.

          Männliche Homosexualität, Feminismus und Lesbianismus - allesamt umfassende kulturelle Praktiken mit großem Glücks- und, wie man früher gesagt hätte, emanzipatorischem Potential - werden durch dieses nicht besonders raffinierte Manöver plötzlich zu Theorien, zu Beschreibungsweisen, und damit kennt die Humanwissenschaftlerin sich aus: Die kann sie aufeinander abbilden, in deren Vokabularen versteht sie sich zu bewegen.

          Alles, was diese Kulturanalyse leisten will und kann, ist deshalb sprachloses Kategorientheater, gestisches Trompe-l'oeil um allerlei Rahmen und Rahmenwechsel, hektisch, aber unbekümmert, aus dem Stand und auf den Müll, aber verblüffenderweise auch noch stolz darauf. In der sehr aufschlußreichen intellektuellen Selbstbiographie, die das Werk einleitet, wird versichert, daß über die beklagenswerte Ungenauigkeit herkömmlicher kulturwissenschaftlicher Begriffsnetze nur durch das immer neue Zusammenmischen und Moussierenlassen von jedesmal ad hoc aus dem jeweiligen Gegenstand herauszupressenden Erklärungssaucen hinauszugelangen ist.

          Einige Begriffe aber sind auch bei Mieke Bal gleicher als andere, weil so prima egalitär: "Intersubjektivität" zum Beispiel. Dieses Wort - oder dieser Gedanke? Das wird nicht ausgeplaudert, aber sie "bleibt der wichtigste Maßstab für das Lehren und Schreiben", und warum? "Weil er die demokratische Wissensverteilung akzentuiert." Aber wieso denn bloß? Sind Befehl-Gehorsam-Situationen denn nicht auch was Intersubjektives? Wieder weiß man, wie so oft, trotz der schiefen Ausdrucksweise, was sie meint: irgendein diskursethisches Rudiment von wegen symmetrischer Kommunikation, irgendeinen museumsdidaktischen Gesamtschulkram, so genau wird das alles nicht genommen. Nächstes Thema, nächster Begriffsklapperkasten.

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