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Rezension: Sachbuch : Schläft ein Lied in allen Zwängen

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Wenn Robert Darnton dirigiert, wird sogar der Methodenstreit der Historiker zur Musik / Von Christoph Albrecht

          5 Min.

          Paul Valéry schwebte eine Literaturgeschichte vor, die nicht mehr eine Geschichte der Autoren sein sollte, die nicht die Zufallsgeschichte ihres Lebens und ihrer Werke wäre, sondern die Geschichte des Geistes, der Literatur hervorbringt und Literatur verzehrt. Diese imaginäre Literaturgeschichte könnte ohne die Erwähnung eines einzigen Schriftstellers auskommen. Robert Darnton ist vielleicht der Mann, der diese Literaturgeschichte gerade wieder zuklappt. Darnton ist ein antiklassizistischer Klassiker moderner Ideengeschichte und die Freude der Verleger und Buchhändler. Seine Bücher ziehen uns ins volle, manchmal blutige historische Leben, in die zufälligen Entstehungsbedingungen der Literatur: Produktion, Transport, Vermarktung der Bücher; die Umstände, unter denen Bücher gelesen, verschlungen, verdaut wurden. Sind die Büchergeschichten Robert Darntons der materialistische Alptraum Paul Valérys?

          Das neue Buch Robert Darntons heißt "Der Kuß des Lamourette". Es geht diesmal also um etwas Zärtliches, etwas Flüchtiges, das sich unterscheidet von der kruden Materie und ihrer unerbittlichen Kausalität, von der bloßen Gier nach Macht und Gewinn. Seine Aufsatzsammlung handelt von den Strömungen der gegenwärtigen Ideengeschichtsschreibung und verwandten Disziplinen: von Sozialgeschichte der Ideen, Dekonstruktivismus, Soziologie, Anthropologie, Literatur- und Symboltheorie und vor allem vom Problem einer Geschichte der Mentalitäten.

          Das Wort Mentalität kam auf, als das Wort "Geist" einen zu metaphysischen Klang angenommen hatte; nur Präzisionswortemacher wie Valéry wagten noch davon zu sprechen. Valéry erzählt, daß seine Kollegen in der Französischen Akademie den Eintrag "mentalité" nur widerwillig 1936 ins Wörterbuch aufgenommen haben, während sie mit Melancholie die Todesfälle bezaubernder volkstümlicher Vokabeln registrierten. Seither hat das Wort eine erstaunliche Erfolgskarriere erlebt. Die Historiker haben es benutzt, um sich zu jener geheimnisvollen Sphäre aufzuschwingen, die man früher mit dem Geist in Verbindung gebracht hatte. Und wie vom angeborenen Ungenügen eines Emporkömmlings getrieben, ließ man nichts unversucht, dem Kunstwort Leben einzuhauchen. Der Geist der Nationen, das Werk, das Mysterium des Autors und ähnliche kultur- und literarhistorische Abstraktionen mußten den konkreten Einstellungen der Menschen weichen; sie lösten sich auf in sozialen Schichtenmodellen, Kontexten, Interpretationen, rhetorischen Strategien. Die Geschichte der politischen Ereignisse wurde davon mitgerissen: Was und wie die Leute über die Ereignisse dachten und empfanden, erschien als so wichtig wie die Ereignisse selbst. Aber wohin, fragt Darnton, werden "all die Arbeiten über Maibäume, Magie, Katzenmusik, Weiberverkäufe, Strohpuppenverbrennungen und öffentliche Hinrichtungen" führen?

          Jeder dieser Aufsätze inszenierte einen kleinen Zweifrontenkrieg: gegen Historie als inneruniversitären Professoren-Inzest, gegen eine popularisierende Pürrierung der Geschichte zu einem leicht verdaulichen Brei; gegen die Verharmlosung der Französischen Revolution als Bühnenhintergrund für die Erklärung der Menschenrechte, gegen die Revolution als Bild bloßen Terrors, der das Mysterium der Brüderlichkeit unsichtbar macht; gegen die marxistische Geschichtsphilosophie, gegen die Konzeptionslosigkeit der revisionistischen Revolutionäre, gegen das naive Vertrauen auf politische Realitäten, gegen den snobistischen Glauben, daß alles "Diskurs" ist; gegen den "Aufstieg des Bürgertums" als sozialgeschichtliche Universalursache, gegen die Tautologie, daß der Wandel der Mentalitäten auf dem Wechsel der kulturellen Einstellungen beruht; gegen die rhetorische Unbedarftheit der Historiker, gegen die anachronistischen Lesearten der Literaturtheoretiker.

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