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Rezension: Sachbuch : Schläft ein Lied in allen Zwängen

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Führt der Mittelweg durch so viele Gegensätze nicht zum sicheren Tod? Wir können uns Darnton vorstellen wie eine Art Odysseus am Mastbaum: Selbst wenn die Sirenen mit ihren vergeblichen Methodengesängen schon heiser geworden wären, hätten wir an den Verzückungen dieses listigen Theoriegenießers noch immer ein indirektes, aber doch volles Vergnügen. Nein. Geisteswissenschaftliche Methodendiskussionen, die Schrecknisse genußsüchtiger Liebhaber von Geschichte und Literatur, bringt Darnton zum Singen, wie er es auch in seinen Büchern und Aufsätzen über historische Gegenstände tut: einem hartgesottenen Polizeireporter gleich (der Darnton einmal gewesen ist), der in einem Mord zwar eine spannende Story sieht, aber gleichzeitig auch den ernsten Straftatbestand.

Der Titelaufsatz, 1981 geschrieben für "The New York Review of Books", fixiert unser anhaltendes Interesse an der Geschichte der Französischen Revolution im Bild. Auf dem Gipfel der Gefährdung - Niederlagen an den Grenzen, Komplotte des Königs, steigende Brotpreise, Parteienzank in der Nationalversammlung - läßt Darnton die Revolution am 7. Juli 1792 für einen Augenblick stillstehen im Kuß des Lamourette, eines Mitglieds der Versammlung. Er erhebt sich im Sturm des Gezänks, fordert die Deputierten zum Bruderkuß auf und läßt die Zwistigkeiten auf einer schnell wieder verebbenden Welle brüderlicher Liebe davonschwimmen. Einen Monat später bricht die Versammlung auseinander, die konstitutionelle Monarchie wird gestürzt, im September werden in den Gefängnissen Kriminelle als Sündenböcke für den allgemeinen "Verrat" zu Hunderten massakriert. So erstaunlich wie den Kuß des Lamourette läßt Darnton die Französische Revolution erscheinen: als eine Abfolge von schrecklichen Ereignissen, die dennoch aus der Zerstörung heraus eine unausrottbare "Möglichkeitseuphorie gegen die Gegebenheit der Dinge" schufen.

Möglichkeitseuphorie - ein Wort, das Valéry gefallen hätte - verkörpert sich in den Medien, die unser Wissen speichern und neue Kombinationen nahelegen. Zwei weitere Aufsätze skizzieren deshalb Probleme und Chancen einer Geschichte des Buchs und des Lesens: Welche Quellen stehen zur Verfügung, welche Kommunikationsmodelle lassen sich anwenden, welche Disziplinengrenzen laden zur Überschreitung ein? Vermittelnd zwischen Kultur und Gesellschaft, Geist und Geschichte steht für Darnton die Welt der Symbole. In ihr spielt sich der intellektuelle Stoffwechsel ab.

Von welchen Tendenzen sich Darnton mit seiner anthropologisch inspirierten Symboltheorie absetzt, verdeutlicht ein Aufsatz über Mentalitätsgeschichten des achtzehnten Jahrhunderts. Darnton stellt Richard Cobbs exzentrischen Fallstudien über Kriminalität und Revolution die statistischen Reihenuntersuchungen Michel Vovelles gegenüber, der "in einem kleinen Winkel der Geschichte des Todes in die Tiefe gegraben, sein Material mit außerordentlicher Sorgfalt gesiebt und ein Werk aus reinstem Gold zustande gebracht" hat. Mangelt es bei Cobb an kriminologischer Systematik, so gerät bei Vovelle vor lauter Statistiken, die die Entchristlichung der Haltung zum Tod um 1750 zeigen, die Frage nach den Ursachen aus dem Blick. Bewundernswert bleibt, wie Darnton seine kritischen Anmerkungen zum Vorwand nimmt, um das Licht einiger Meister seines Fachs herauszustellen, die vor Vovelle kostbare Klümpchen Gold aus Tonnen von Dreck herauswaschen; ex luto aurum, wie der Historiker und Bergingenieur Leibniz sagte.

Die Literaturgeschichte ist bei Darnton tief eingesenkt in die Geschichte der zufälligen materiellen Lebensbedingungen. Die Zahl der großen Namen von Autoren und Werken multipliziert er mit der Zahl der heute Vergessenen, die den Verwertungskreislauf des Geistes trugen. Die Schnittstellen von Geist und Geschichte illustriert Darnton durch gekonnt stilisierte Episoden und gewalttätige Anekdoten. Die Grenzen zwischen den geisteswissenschaftlichen Disziplinen überspielt er mit einer historischen Genußfreude, die seinem humanen Pathos als Aufklärer die Waage hält. Wie der zärtliche Danton Georg Büchners stellt er sich immer wieder rhetorisch überlegen den akademischen Scharfrichtern entgegen, die vergeblich die Umarmung der Verurteilten im Angesicht der Guillotine zu unterbinden suchen: "Kannst du verhindern, daß sich unsere Köpfe auf dem Boden des Korbes küssen?"

Robert Darnton: "Der Kuß des Lamourette." Kulturgeschichtliche Betrachtungen. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. Edition Akzente. Carl Hanser Verlag, München 1998. 288 S., br., 39,80 DM.

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