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Rezension: Sachbuch : Schick, schock und schnell: Streifen

  • Aktualisiert am

Michel Pastoureaus Geschichte der gestreiften Stoffe nebst Teufelszeug / Von Matthias Grässlin

          5 Min.

          Aus einer Mücke einen Elefanten, aus scheinbar Ephemerem famose Historie zu machen - diese hohe Kunst versteht Michel Pastoureau wie kein zweiter. Seine ersten objets trouvés waren Wappen, Siegel und Medaillen: bescheidene Accessoires, denen man selbst auf der altmodischen École de Chartes, der Eliteschule der französischen Archivare, nur mißmutig Beachtung schenkte. Jedenfalls hatte Pastoureau, der 1968 in diese ehrwürdige Institution eingetreten war, alle Mühe, dort sein Dissertationsthema - heraldische Tierdarstellung im Mittelalter - durchzusetzen. Immerhin, er reüssierte und revanchierte sich dann auf seine Weise: nicht nur, indem er durch magistrale Lehr- und Handbücher über die Heraldik und ihre Nachbarmaterien bald zum unbestrittenen Papst dieser "Hilfswissenschaften" avancierte, sondern auch (und das mochte der Historiker-Altherrenriege noch dubioser vorkommen), indem er den verkannten Disziplinen eine gehörige Dosis an Semiotik, Sozialgeschichte und historischer Anthropologie verpaßte.

          Inzwischen hat Pastoureau, Inhaber des Sorbonne-Lehrstuhls für die "Geschichte der europäischen Symbolik", seine Neugier gleichsam auf objets trouvés zweiten Grades ausgedehnt: auf Farben, Tier- oder Pflanzen-Embleme. Daraus sind launige Bücher geworden (eine "Symbolgeschichte des Apfels" etwa oder ein Lexikon über die Farbsymbolik), dahinter verbirgt sich aber stets eine Methode, deren Eleganz und Einfachheit bezwingt. Das originellste von allen, seine 1991 erschienene Geschichte der Streifen, liegt jetzt auch auf deutsch vor - in einer guten, ja findigen Übersetzung. Überdies hat sich der ursprünglich nur sparsam illustrierte Essay in der zweiten Auflage in ein opulentes Bilderbuch verwandelt, was ihm auch den Zugang zu jenem Publikum garantieren dürfte, das einzig der Augenlust frönen will. Diesen Flaneurs kann nur geraten werden, auch einmal in den Text zu schauen, dort nämlich gibt es "histoire totale".

          Vorderhand banal und harmlos, erweisen Streifen sich unter dem Blick des Kulturhistorikers als vertracktes Produkt aus Optik und Soziologie, aus Ästhetik und Ideologie. Man nehme das Zebra: "Ist es" - fragt Pastoureau - "ein weißes Tier mit schwarzen Streifen, wie man in Europa lange glaubte, oder ein schwarzes Tier mit weißen Streifen, wovon man in Afrika immer ausging?" Die amüsante Meinungsverschiedenheit resümiert nicht nur das optische Rätsel von Streifenmustern, sondern auch, wie die jeweiligen Kulturen es lösen. Gestreifte Oberflächen präsentieren dem Blick ein "trampe l'oeil", ein Vexierbild, das keine endgültige Unterscheidung zwischen Vorder- und Hintergrund bzw. keine Hierarchisierung von Bildebenen erlaubt.

          Die Koketterie des Optischen, vor der das Auge kapitulieren muß, bewältigt der menschliche Geist nun gleichsam durch ideologische Sinnbildung, durch Deutungsmuster, die nicht nur kulturellen, sondern auch epochalen Variationen unterliegen. Beispielsweise wird das wunderliche Zebra in Renaissance-Traktaten als Bestie des Teufels, von den Enzyklopädien der Aufklärung aber als Inbegriff der Harmonie, als charmanter Einfall der Natur interpretiert. Was sich hier, innerhalb von nur zwei Jahrhunderten, geändert hat, ist die "gesellschaftliche Optik" des Streifens, sein Symbolwert: Die Menschen der Renaissance schreckt er, die Kinder der Aufklärung delektiert er. Das ist denn auch der "Plot" von Pastoureaus Streifen-Oper: Das Streifenmuster ist ein Emporkömmling in der Werte-Hitparade - erst verrucht, dann gesucht.

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