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Rezension: Sachbuch : Schattenwunder

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Mysterien der Straße - Ein Werkverzeichnis des Fotografen Umbo / Von Georg Imdahl

          Der Tiefpunkt ereilte den Wegelagerer im Romanischen Café, einem Treffpunkt der Berliner Boheme. Hier, im "Olymp der brotlosen Künste", brach Umbo im Dezember 1926 zusammen, ausgelaugt, übernächtigt, von Hunger geschwächt und vom Alkohol betäubt. Wenige Monate zuvor hatte der Großstadt-Flaneur den "Rausch des Alleinseins" noch zum Existenzideal verklärt. Im Winter nächtigte er als Vagabund in der Berliner Ringbahn. Die Emphase der Einsamkeit wich der Resignation: "Ich bin wieder hinuntergestiegen, meldete mich heute wieder zur Fürsorge, aß in der Volksküche in der Mariendorfer Straße im Keller", notierte Umbo im Tagebuch. Beinahe hätte der Kollaps die Entwicklung einer Ausnahmeerscheinung in der Fotografie der späten Zwanziger beendet. Doch die Episode markierte den Wendepunkt in Umbos Leben.

          Umbo, 1902 als Otto Maximilian Umbehr in Düsseldorf geboren, war in den Schubladen der Fotografiegeschichte verschwunden, als Herbert Molderings ihn im vergangenen Jahr mit einer Retrospektive in Düsseldorf wieder in Erinnerung rief (F.A.Z. vom 17.August 1995). Umbo hatte einen "dritten Weg" gefunden zwischen den Hauptströmungen seiner Zeit, zwischen Neuem Sehen und Neuer Sachlichkeit. Aber in seiner notorischen Faulheit ging er verschwenderisch mit seinem Talent um. Der verschrobene Lebensweg des Bohemiens forderte geradezu eine Darstellung, die Person und Werk synchronisiert. Molderings schlägt in der bibliophilen Monographie, die jetzt nach langjährigen Recherchen des Kölner Kunsthistorikers entstanden ist, eine Tonlage an, die man in der akademischen Literatur selten antrifft: Er verbindet emotionale Einfühlung und sprühende Erzählfreude mit wissenschaftlicher Präzision.

          Molderings führt den Leser noch einmal zurück in die zur Weltstadt aufgestiegene Kunst- und Vergnügungsmetropole Berlin mit ihren unzähligen Kinos, Varietés, Theatern, Verlagshäusern und Magazinen. Das snobistisch-mondäne Leben einer gekünstelten Gesellschaft, die das Rampenlicht liebte und sich den Modetrends hingab, die internationalen künstlerischen Avantgarden, die in Berlin zu Hause waren - diese Zeiterscheinungen bilden den Rahmen der Monographie. Molderings geht der Chronologie der entscheidenden Jahre von 1926 bis 1933 nach und unterscheidet im wesentlichen vier Werkgruppen. Dem "neuen Porträt" folgen "Bilder der Boheme" und "Berliner Stadtlandschaften", bevor Umbo als "Künstler unter Journalisten" Mitte 1928 mit dem Kaffeehausliteraten Simon Guttmann den "Deutschen Photo-Dienst", die Dephot, gründete.

          Als Student am Weimarer Bauhaus hatte der junge Freigeist und Wandervogel die maßgeblichen Impulse von dem Maler und Theoretiker Johannes Itten empfangen. Die Porträts der Schauspielerin Ruth Landshoff, mit denen er berühmt werden sollte, wären ohne die Schule Ittens undenkbar gewesen. Deshalb gibt Molderings den Weimarer Erfahrungen Umbos breiten Raum. Weil er darauf bestand, von der Metall- in die Goldschmiedewerkstatt zu wechseln, und mit allerlei Schabernack bei Walter Gropius in Ungnade fiel, wurde Umbo aus der Schülerliste gestrichen. So machte er sich auf nach Berlin.

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