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Rezension: Sachbuch : Schaltstelle

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Der ewige Avantgardist Leopold Wolfgang Rochowanski Von Ulrich Weinzierl

          2 Min.

          Sein Debüt im Literaturbezirk verlief denkbar konventionell: 1912, mit siebenundzwanzig Jahren, gab er das erste Jahrbuch des "Bundes schlesischer und mährischer Mundartdichter" heraus. In der Hochblüte des Expressionismus wetterte Leopold Wolfgang Rochowanski dann lyrisch gegen "Formonanisten" und "Schulpolizisten" und war auch politisch ganz und gar revolutionär gesonnen: "Gottloser Kapitalist wiehert,/verschenkt zwei Zigarren."

          Ist das besonders bemerkenswert? Keineswegs. Selbst die Wiener Tanzdarbietungen des Mittdreißigers unter dem Pseudonym Boris Kandinsky reichten nicht für eine einschlägige Karriere, wahrscheinlich kam es dem Tänzer nicht einmal darauf an. Trotzdem ist der heute weithin unbekannte Mann - er starb 1961 - eine höchst achtbare und interessante Gestalt der österreichischen Kulturgeschichte dieses Jahrhunderts gewesen. In Rochowanskis Nachlaß finden sich Briefe von Broch und Kubin, von Oskar Schlemmer, Kokoschka und Thomas Mann. Aus dem wenig erfolgreichen Novellisten und Dramatiker wurde ein Kunstschriftsteller und -vermittler von Format, halb Mentor und halb Missionar.

          Schon früh begeisterte sich Rochowanski für "Psychopathische Künstler", denen er 1923 eine eigene Monographie widmete. Zudem war er der führende österreichische Propagandist des Kinetismus, den er unter anderem in dem Band "Formwille der Zeit" hymnisch feiern sollte: "Wir sind keine Pensionisten müder Tage", dekretierte er, "wir sind gerufen zur Tat, zur Neubelebung". Auch der plastische Expressionismus eines Anton Hanak mit seinem "brennenden Menschen" fand in ihm einen enthusiastischen Herold.

          Die Vielfalt seiner Interessen, die experimentelle Bühnengestaltung nicht minder einschlossen als das Wiener Kunstgewerbe, Architektur, Mode und Zwölftonkomposition, führten in seinem Fall statt zur Zerstreuung zur Bündelung: Der "ewige Avantgardist" Rochowanski wirkte als Integrationsfigur, ja als leibhaftige Schaltstelle zwischen den unterschiedlichen Disziplinen. Die finanziell erfolgreichste all seiner Unternehmungen dürfte freilich der 1936 erschienene kulturhistorische Reiseführer "Columbus in der Slovakei" gewesen sein.

          Während der Nazizeit wurde Rochowanski mit Berufsverbot belegt - er verweigerte die Scheidung von seiner jüdischen Frau, die er dadurch vor dem sicheren Tod rettete. Mit allem Aufwand an Scharlatanerie behauptete er, graphologische Gutachten würden "unbedingt" deren "rein arische Abstammung" beweisen: Friederike sei in Wirklichkeit das Kind eines polnischen Grafen.

          Bereits 1945 gründete er den Agathon-Verlag, um die Zeitschrift "Die Schönen Künste" und einen Almanach zu publizieren. 1946 eröffnete er eine von Josef Hoffmann gestaltete Galerie. Und sofort trat der Verleger und Galerist mit emigrierten Dichtern und bildenden Künstlern in Kontakt.

          Bernhard Leitner hat Rochowanskis Leben und die Fülle seiner Aktivitäten in einer zweibändigen Dokumentation nachgezeichnet: Gerade die Montage zahlreicher Faksimiles macht daraus mehr als eine trocken archivalische Materialiensammlung, sie läßt jene ästhetische Atmosphäre erahnen, die Rochowanski in ihren Bann schlug und zur Dauerbetriebsamkeit anspornte. Rechtens reserviert Leitner den zweiten Band zur Gänze für das schmale graphische OEuvre dieses Grenzgängers von universalistischem Anspruch. Bei Lebzeiten war es nie an die Öffentlichkeit gelangt, und doch spricht daraus ein genuines Talent. Dank der "Unbekümmertheit des Außenseiters" präsentieren sich die zwischen 1919 und 1922 entstandenen Blätter in Farbe und Gestik so frisch wie ehedem, sie sind der persönlichste Ausdruck von Rochowanskis Wesen: Der sonst in der Würdigung fremder Leistungen aufging, blieb hier bei sich selbst.

          Bernhard Leitner: "Rochowanski 1885-1961. Eine Montage". Zwei Bände. Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 1995. 182 u. 84 S., geb., 78,- und 58,- DM.

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