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Rezension: Sachbuch : Scanne dich selbst

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Sherry Turkle zeigt, wie moderne Bastelbiographien am Bildschirm entstehen

          In den achtziger Jahren entzweite ein Schisma die Computergemeinde. Der legendäre Apple II war zum Sinnbild einer mechanistischen Weltanschauung geworden, "wonach das Erkennen in der Rückführung komplexer Dinge auf einfache Elemente besteht". Als 1984 die bunten Fächer des Apple Macintosh an seine Stelle traten, empfanden die orthodoxen Benutzer das als Sakrileg. Die Anwenderfreundlichkeit seiner Schnittstelle entfremdete sie von den Betriebsgeheimnissen der Maschine, wohingegen das Konkurrenzmodell von IBM mit dem Betriebssystem von MS-DOS weiterhin die Illusion totaler Kontrollierbarkeit vermitteln konnte. In beinahe Kittlerscher Manier versucht die amerikanische Psychologin und Soziologin Sherry Turkle Technikgeschichte mit geistigen Tendenzen der vergangenen Dekade kurzzuschließen. Die Macintosh-User kultivierten das postmoderne Wissen, daß hinter tausend Pixeln keine Welt, sondern stets ein weiteres Icon liegt, während der "transparente" IBM-PC die Tradition der Aufklärung fortschrieb. So ließe sich Jürgen Habermas' Widerstand gegen französische Theorieimporte als Kollision zweier inkompatibler Textverarbeitungssysteme lesen. "Diese MS-DOS-Fans wollten ihre Zugehörigkeit zur Kultur der Berechnung nicht aufs Spiel setzen"; die aufgeräumte Desktopwelt erschien ihnen als neue Unübersichtlichkeit, der die Radikalsten am liebsten mit der alten Maschinensprache der Basis begegnet wären. Die später auf die DOS-Ebene aufgepfropfte Windows-Oberfläche blieb Episode, das Projekt der Moderne unvollendet. "Windows 95" machte uns schließlich alle zu Poststrukturalisten. DOS ist tot. Nietzsche lebt.

          In dieser Medienrevolution wurden nach Turkle auch die befestigten Grenzen des mit sich identischen Subjekts endgültig geschleift. Stevensons Dr. Jekyll bedurfte zur säuberlichen Aufteilung widerstreitender seelischer Anlagen auf zwei Personen noch eines kompliziert herzustellenden Elixiers. Den vernetzten Menschen unserer Tage genügt ein Modem. Das Internet ist für Turkle ein "Soziallabor für Experimente mit jenen Ich-Konstruktionen und Rekonstruktionen geworden, die für das postmoderne Leben charakteristisch sind". Turkles Paradebeispiel sind die Multi-User-Domänen (MUDs), die sie per Selbstversuch und in zahlreichen Interviews mit Computerfreaks erforscht hat. Eine MUD isteine textbasierte Phantasiewelt, die in der Interaktion weltweit vernetzter Spieler entwickelt wird und in der sich alternative Selbstentwürfe jeder Art virtuell ausagieren lassen. Alter, Geschlecht oder Hautfarbe spielen hier keine Rolle mehr. Aus den Effekten dieser ewigen Weiberfastnacht, in der man auch als Karnickel gehen oder (aus Versehen) eine Software bützen kann, liest Turkle die empirische Bestätigung der postmodernen Rede vom dezentrierten Selbst heraus. "Ihr seid alle Individuen" war die emanzipatorische Losung der Moderne. "Ich nicht", antwortet die unbegrenzt teilbare Online-Kreatur.

          Und in der Tat: Der kontaktscheue Physikstudent, der in seiner MUD zum romantischen Lover promoviert wird und seiner Angebeteten am virtuellen Altar verspricht, "treu in allen Updates" zu sein, oder der Ehemann, der seinen sexuellen Obsessionen per Texteingabe nachgeht - sind ihre Identitäten nicht multipel? Ein klares Jein. Eine Netzliebschaft kann reale Beziehungsarmut nicht kompensieren, wohingegen die Ehefrau dem Partner auch Webseitensprünge ziemlich übel nimmt. "Ihre Identität am Computer ist die Summe Ihrer aufgeteilten Präsenz", schreibt Turkle. Jedes Bildschirmfenster ein anderes Ich? Bei der Diskussion von Nutzen und Nachteil der virtuellen Interaktion für den Seelenhaushalt zeigt sich, daß Turkle schon aus therapeutischen Gründen letztlich an der Vorstellung vom integrierten Selbst festhalten muß.

          Indem sie die (positiven) Wirkungen der Computernutzung auf den Menschen überschätzt, unterliegt sie auf umgekehrte Weise wie die überbesorgten Verteidiger der Gutenberggalaxis dem Wiederholungszwang der Mediengeschichte: Frühere Epochen etwa sahen bei der Romanlektüre oder beim Fernsehen das Damoklesschwert einer ungezügelten Einbildungskraft über dem dünnen Nerv des Realitätssinns baumeln. Schon Don Quichotte hatte gegen Windmühlenflügel gekämpft, weil er vor lauter Ritterromanen das Fenster zur Wirklichkeit nicht mehr fand. Turkle stützt sich unter anderem auf Baudrillards Theorie der Simulation oder die Cyborg-Anthropologie einer Donna Haraway, die die Grenze zwischen Mensch und Maschine im Zeitalter des Terminator aufgehoben sieht. Eine eigenständige Theoriebildung sollte man von ihr aber nicht erwarten. Als Soziologin hält sie sich an die Äußerungen ihrer Interviewpartner, die so manchen flott gefalteten Thesenpapierflieger wieder auf den Teppich holen.

          Als Verfechterin eines spezifisch weiblichen Umgangs mit Computern glaubt Turkle, "daß das abstrakte Denken ein Stil ist. Und kontextuelles, situationsspezifisches Denken ist ein anderer". Sie will selbst Zeugnis geben von diesem "Triumph des Bastelns". In den Ecken ihres virtuellen Hobbykellers stapeln sich leider die halbfertigen Denkprodukte. Wie sie das Internet im Grunde als Schnittstelle zur Popularisierung unanschaulicher Subjekttheorien betrachtet, ist auch ihr Buch äußerst benutzerfreundlich und setzt seinerseits keine Computerkenntnisse voraus. Turkle beobachtet die Beobachter und zeigt, daß sich in Zeiten des Internet nicht unser Selbst, sondern unsere Selbstbeschreibung verändert. RICHARD KÄMMERLINGS

          Sherry Turkle: "Leben im Netz". Identität im Zeichen des Internet. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1998. 544 S., geb., 48,- DM.

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