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Rezension: Sachbuch : Sansculotte des Realismus

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Der Maler Wilhelm Leibl in seinen Briefen

          3 Min.

          Als Wilhelm Leibl auf der Pariser Weltausstellung von 1889 als einziger deutscher Maler mit einer Goldmedaille geehrt wurde, war das so selbstverständlich nicht. Nach einer neuerlichen Abkühlung der Beziehungen zu Frankreich hatte Bismarck den Professoren der preußischen Kunstakademien die Teilnahme untersagt, und auch nichtpreußische Künstler hatten sich dem Verbot gebeugt. Neben Leibl gehörten Max Liebermann und Adolph Menzel zu den unbotmäßigen, auf der Weltausstellung vertretenen bedeutenden Malern. Immer schon hatte Leibl in Paris mehr gegolten als in der Residenz- und Kunststadt München, wo Malergrößen wie Kaulbach und Piloty, Defregger und Lenbach regierten. Den deutschen Courbet und den Nachfolger Dürers und Holbeins, so nannte man Leibl in Frankreich.

          Nun hat Boris Röhrl die erste wissenschaftliche Ausgabe von Briefen Leibls vorgelegt. Daß diese Ausgabe nur etwa ein Drittel der vorhandenen Briefe enthält, macht sie handlich und lesbar. Für Detailforschungen ist ein Anhang mit Regesten sämtlicher 530 Briefe angefügt, in denen der Inhalt skizziert wird. Röhrls ausgezeichneter Kommentar wendet sich sowohl an den Wissenschaftler wie den Kunstliebhaber.

          Natürlich interessieren den Leser die biographischen Linien, die sich in den Briefen der Jahre zwischen 1863 und 1900 abzeichnen: die Bindung an das Elternhaus in Köln, an den Vater, den Domkapellmeister bayerischer Herkunft, und die Mutter, eine Sängerin rheinischer Abstammung, das Kunststudium in München und die Flucht aufs bayerische Land, die Jagdfreuden und das Zusammenleben mit den Bauern, die Erbstreitigkeiten mit den Brüdern, Leibls Brüskierung des Kunst-Establishments in München (er zerstörte die Medaille für das Bild "Die Dachauerinnen") und sein Außenseitertum, die Förderung durch Max Liebermann und die Berliner Kunsthändler Friedrich Gurlitt und Ernst Seeger (die freundschaftliche Beziehung zu Liebermann befreit ihn auch von dem Verdacht des Antisemitismus, den gelegentliche Ausfälle gegen den händlerischen Geist sogenannter "Kunstjuden" wecken könnte).

          Spannender noch liest sich in den Briefen die Biographie als Spiegel der Kunstentwicklung im neunzehnten Jahrhundert. Von seinem Münchner Lehrer Wilhelm von Kaulbach entfernt er sich innerlich rasch. Als Schüler zur Mitarbeit an Kaulbachs hochpathetischem Historienbild "Die Begegnung von Maria Stuart mit Elisabeth der I." (1867 / 1868) gezwungen, beklagt er sich, "wie ein Anstreicher das gefühllose, unkünstlerische Zeug" nachpinseln und gegen "inneren Drang und malerisches Gefühl" ankämpfen zu müssen. Später erklärt er der Mutter sein künstlerisches Credo: Er habe sich "von dem gewohnten, alten conventionellen Schlendrian, den sie Idealismus nennen", losgelöst und gelernt, die Natur anzuschauen "und nach dieser Anschauung mit vollem Ernst wiederzugeben". Georg Büchners Forderung im Kunstgespräch der "Lenz"-Novelle (1835 / 1836), der Dichter müsse den "Idealismus", die "schmählichste Verachtung der menschlichen Natur", preisgeben und die Natur so wiederschaffen, "daß ich über seinem Gebild fühle" - sie kehrt nach Jahrzehnten wieder als Appell Leibls an den Maler.

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