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Rezension: Sachbuch : Sag beim Abschied leise Subjekt

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Werner Hamachers Essays über das Leiden der Sprache an sich selbst

          6 Min.

          Einer der unheimlichsten Glücksmomente in der deutschen Literatur findet sich bei Heinrich von Kleist. Nach dem "Erdbeben von Chili", nach der Flucht der Überlebenden, der "verstörten Menschenhaufen" aus der Stadt heraus, bietet das Land um St. Jago ein rührendes Bild: "Auf den Feldern, so weit das Auge reicht, sah man Menschen von allen Ständen durcheinander liegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, von dem, was sie zur Erhaltung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte."

          Erst das Erdbeben bringt die Menschen dazu, sich vorbehaltlos einander zuzuwenden. Alle Standesunterschiede sind getilgt, auch Jeronimo und Josephe, das verstoßene Liebespaar mit ihrem Kind Philipp, finden sich aufgenommen. Sie treffen den edlen Don Fernando und seine Gattin Elvire; weil sie verletzt und geschwächt ist, stillt Josephe gar deren Kind. Die Harmonie ist jedoch von kurzer Dauer. Nach dem Gottesdienst am nächsten Tag werden die unsittlich Liebenden, Josephe und Jeronimo, für das Erdbeben verantwortlich gemacht und erschlagen. Aufgrund einer Verwechslung wird auch das Kind Elvires und Fernandos an "eines Kirchpfeilers Ecke zerschmettert", daß das "Mark" aus dem "Hirn" hervorquillt, ihnen bleibt der andere Junge, das uneheliche, nun mehr elternlose Kind Philipp.

          Kleists Erzählung ist eine Nußschale, in die die ganze Moderne hineinpaßt. Die Naturgewalt trägt Züge des revolutionären Umbruchs, den Kleist in Frankreich geschehen sah; neben Massenhysterie steht friedliche Verständigung, neben traditioneller Dogmatik individuelle Empfindsamkeit. Vertrackt ist das Wechselbad, in das Kleist seine Leser stürzt, auch deshalb, weil die Überlebenden ihr Glück in gewisser Weise dem Unglück zu verdanken haben: Durch die Idylle zieht sich eine Blutspur, mit der all diejenigen hadern, die die Geschichte der Moderne in eine saubere Reihenfolge, in eine fortschrittliche Ordnung bringen wollen. Fasziniert davon sind all diejenigen, die dieser Ordnung abhold sind.

          Zu ihnen gehört der Literaturwissenschaftler Werner Hamacher. Seit seiner Hegel-Arbeit "pleroma" und seitdem er an der Johns Hopkins University in Baltimore mit einem Seminar zu Friedrich Schlegels "Über die Unverständlichkeit" die Lehrtätigkeit aufnahm, eilt ihm der Ruf voraus, unverständlich zu sein. Dieser Ruf läßt sich nun überprüfen anhand des Buches "Entferntes Verstehen", das seine "Studien zu Philosophie und Literatur von Kant bis Celan" zusammenfaßt - darunter auch einen beispielhaften Text über Kleists "Erdbeben von Chili".

          Was fällt Hamacher zu Kleist ein? Kant. Er entdeckt im Erdbeben den Anstoß zu dem, was Kant in seiner Ästhetik als eine "erhabene" Erfahrung bezeichnet hat. Angesichts der Katastrophe im Sinnlichen kann sich demnach der Mensch als Vernunftwesen behaupten. Die von Kleist beschriebene "eine Familie" der Überlebenden ist nach Hamacher also keine nette Idylle, sondern "nichts anderes als die Metapher der praktisch gewordenen Achtung, die dem Gefühl der Erhabenheit der einen Vernunftidee, der Menschheit in unserer Person entspricht". Die Verständigung der Überlebenden beruht auf der Anerkennung, in der sie sich gegenseitig als "Individuen gleichachten". Sie befinden sich unter Ihresgleichen, und diese Gleichheit ermöglicht auch erst den "Mutter-Tausch", in dem die Verstoßene das Kind der Edelleute stillt.

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