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Rezension: Sachbuch : Sag beim Abschied leise Subjekt

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Das "Subjekt", dem die wunderbare Fähigkeit zugetraut wird, sich in festen Bedeutungen auszusprechen, wird von Hamacher durchweg als die Instanz vorausgesetzt, die es zu dekonstruieren gilt. So sieht das "Subjekt" die "Stabilität seiner Rede erschüttert", "Verstehen" erscheint "nicht mehr als archi-eschatologische Selbst-Aneignung, nicht mehr als Gegenwärtigung", und es gibt "keine zuverlässige Garantie mehr für die Darstellung und sprachliche Befestigung einer Welt und ihres möglichen Sinnes". Bemerkenswert an diesem Abgesang Hamachers ist die immer wiederkehrende Wendung "nicht mehr". Er sieht sich in einem fortdauernden Kampf gegen die Allgegenwart eines "Subjekts" und versucht, es zu etwas Vergangenem zu erklären.

Unser Feind, das Ich

Nun mag es viele Weisen geben, das "Subjekt" zu verstehen; mir ist aber seit längerem kein "Subjekt" mehr über den Weg gelaufen, das über die Welt verfügt und sich als Herr der Sprache geriert hätte. Das Gegenbild, von dem sich Hamacher abstößt, gleicht einem Popanz. So aber bekommt die Dramatik, mit der er auf dem Schauplatz der sprachlichen Selbst-Entstellung und ihrer literarischen Gestaltung auftritt, etwas Künstliches. Er muß jenes "Subjekt" als Feindbild pflegen, immer wieder zitieren, auf daß im Gegenzug die Bedeutungen im Dunkel versinken können. In dieser Nacht sind dann alle Wörter grau. Aber es ist keine "Weltnacht", die hier anbricht; die Dunkelheit stammt vielmehr daher, daß Hamacher sich in einem Raum eingeschlossen hat, in den kein Licht fällt.

Hamacher beschreibt Literatur als Abgesang auf sprachliche Geistesgegenwart, auf unmittelbares Erleben. Aber hadert sie nur mit diesem Problem? Die Plausibilität seiner Lektüren hängt davon ab, wieweit die von ihm verhandelten Texte mit dem Problem, von dem Hamacher heimgesucht wird, befaßt sind. So kommt es auch, daß seine Aufsätze zu Kafka und Celan überzeugender sind als derjenige zu Kleists "Erdbeben von Chili". Hält man Kleist gegen Hamacher, tritt an manchen Stellen die Borniertheit hervor, die er sich mit seinen methodischen Vorgaben einhandelt.

Man nehme nur Kleists Beschreibung des Lagers der dem Erdbeben Entronnenen, die sich bemitleiden, helfen, zu "einer Familie" werden. Hamacher interessiert sich hier für die erhabene Erfahrung, die die Menschen angesichts der Katastrophe machen und in der sie alle "eins" werden. Viel zu beiläufig nimmt er zur Kenntnis, daß sich in dem wechselseitigen Bemitleiden und Mitteilen, das Kleist beschreibt, der Einfluß Rousseaus bemerkbar macht, daß sich an dieser Stelle Gefühle wie Freude und Mitleid einmischen. Bei all dem rabiaten Wechsel, in den Kleist seine Personen stürzt, klingen zwischendurch doch immer wieder Töne an, in denen es nicht nur um paradoxe Gegenüberstellungen geht, sondern um Momente gelingenden Sprechens - und auch gelingenden Lebens. Solche Zwischentöne aber passen nicht in Hamachers Schema, wonach in jener Szene ein einheitliches Vernunftwesen in Erscheinung tritt, das schon dem Tausch und dem Opfer vorarbeitet.

Hamacher sagt: "Sprache ist Abschied: von jedem tieferen und verborgenen Sinn, von dem Subjekt, das sich in ihr auszusprechen meint." Um Abschied zu feiern, schüttelt er dem "Subjekt" so lange die Hand, bis er in derselben einen Krampf bekommt. Ich wäre gespannt auf die neuen Bekanntschaften, die er machte, wenn er dem Abschied ein Ende setzte. DIETER THOMÄ

Werner Hamacher: "Entferntes Verstehen". Studien zu Philosophie und Literatur von Kant bis Celan. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. 369 S., br., 24,80 DM.

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