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Rezension: Sachbuch : Ruhe ist in der ritterlichen Welt dem Bürger nicht vergönnt

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Nach dem Turnier ist vor dem Turnier: Die tollkühnen Männer in ihren stahlharten Rüstungen

          Obwohl auf den Holzschnitten viele gepanzerte und schwer mit Waffen beladene Männer zu sehen sind, wird hier nicht für den Krieg, sondern fürs Fest gerüstet. Die mittelalterlichen Turniere, von denen Georg Rixner in seinem 1530 erschienenen Buch ausladend berichtet, sind am Ende nur noch spielerische Wettkämpfe, keine Vorbereitung für militärische Auseinandersetzungen. Mehr noch: Zieht man einen Rückschluß von der Präsentation der Ereignisse im Buch auf diese selbst, dann stand das gesellschaftliche Element ganz im Vordergrund. Hier wurde getanzt, gefeiert und geworben, daß sich die Lanzen bogen. Das Turnier war ein Ort adliger Gesellschaft und Geselligkeit (Thomas Zotz).

          Während die ritterliche Kampfweise auf Europas Schlachtfeldern verheerende Niederlagen einstecken mußte, blieben im Turnier die angerosteten Ehrbegriffe von Heldentum und Edelmut etwas länger am Leben. Hier vertrug man sich großmütig wieder und simulierte kunstvoll die Fehde, die man realiter eben mühsam beigelegt hatte. Aus diesem Spannungsverhältnis zwischen virtuellem Konflikt und realem Wettstreit gewannen die Turniere ihre politisch-soziale Brisanz. Einerseits sollten sie dazu dienen, ritterliche Tugenden spielerisch vorzuführen. Andererseits ging es um Statusdemonstration. Das Turnier war Anlaß, soziale und rechtliche Beziehungen zu knüpfen und vorzubereiten. Aber auch mancher alte Streit wurde im Angesicht des Kontrahenten von Visier zu Visier gerne wieder hervorgeholt. Für die Veranstaltungsorte war dies brisant, denn die Teilnehmer kamen gerüstet, streitlustig und zahlreich. Andererseits fiel doch immer etwas vom Glanz des Ereignisses auf den Austragungsort ab, und wer wollte sich schon die Einkünfte entgehen lassen, wenn so viele Würdenträger feierlich Einzug hielten und den Wirten die Keller leerten?

          Die städtischen Veranstaltungsorte lösten diesen Konflikt, indem sie einerseits händeringend versuchten, Ausrichter von Turnieren zu werden, andererseits strenge Vorkehrungen trafen, um die eigenen Bürger und deren Hab und Gut zu schützen. Heidelberg etwa bot 1481 sechshundert Bürger in Harnisch auf, um die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten. Straßburg ließ 1408 die Stadttore, sofern sie nicht geschlossen wurden, mit jeweils fünf Bewaffneten sichern, die Brücken gar mit zwölf.

          Randale ließ sich auf diese Weise aber nicht ganz verhindern, denn die am fürchterlichsten Krawallbrüder waren ja gerade die zugereisten Ritter. Nicht jeder von ihnen trug sein Benimmbuch stets unter den Blechellenbogen geklemmt. Da kam es schon mal vor, daß ein im Spiel attackierter Graf sich aufmachte, den Provokateur ernsthaft zu stellen, sich dafür von seinem Kämmerer ein Schwert reichen ließ, den Flüchtenden bis ins Publikum verfolgte und dort vor aller Augen niederstach.

          Rixners Turnierbuch, das wohl bedeutendste Werk seiner Art, weiß nichts von alledem. In ihm kommen die Ritter so vor, wie es dem Medium entspricht: würdig, stolz und repräsentativ. Schon in der Vorrede erklärt er dem Leser, daß das Buch dem Lob und der Ehre des Adels dienen solle. Rixner beweist seinen Eifer durch erschöpfende Aufzählungen. Die über achthundert Seiten des Buches bestehen im wesentlichen aus Auflistungen der Teilnehmer und Beschreibungen des seinerzeit getriebenen Aufwands. Bescheidenheit war nicht eben die Stärke dieser Spezies.

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