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Rezension: Sachbuch : Rette mich, wer kann!

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So fern er sein mag: Mit dem sechsten Band ist die Briefausgabe Walter Benjamins abgeschlossen / Von Richard Kämmerlings

          Mit der Wirkung Walter Benjamins hat es eine ganz eigene Bewandtnis, die in einen paradoxen Mißverhältnis zu seiner These vom "Verfall der Aura" steht. Mit dem fast exponentiellen Anwachsen der Sekundärliteratur, der nur noch die Kafka-Philologie Paroli bieten kann, wird ihr Gegenstand immer mehr zu einer singulären Denkergestalt, zu einem erratischen Block, dessen Umrisse auch mit den subtilsten Meßmethoden nicht zu bestimmen sind. Nach Benjamins Definition der Aura als "einmaliger Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag", wird er selbst zur auratischen Lichtgestalt, deren Helle um so mehr blendet, je näher der Betrachter herantritt.

          Auch die Lektüre der Briefe, deren Ausgabe mit Band sechs für den Zeitraum 1938 bis 1940 nun abgeschlossen ist, läßt Benjamin nicht vertrauter erscheinen. Herkömmlicherweise eröffnet das Studium solch intimer Dokumente einen neuen, persönlichen Zugang zu ihren Verfassern. Doch Benjamin wird im Gegenteil zum Fremden, zur rätselhaft-fernen Ikone einer Einheit von Leben und Werk, Theorie und Biographie - und nicht zuletzt zur Allegorie des katastrophischen Geschichtsverlaufs selbst.

          Neuentdeckungen waren von dieser, wiederum editorisch vorbildlich erschlossenen Ausgabe ohnehin kaum zu erwarten, die viele bereits publizierte Texte enthält. Benjamins letzte Jahre und die Entwicklung seines Denkens vor dem zunehmend verfinsterten Horizont der weltpolitischen und persönlichen Situation sind ausführlich dokumentiert und kommentiert. Vor allem die Bemühungen um eine Rekonstruktion des nur als torsoförmige Materialsammlung überlieferten "Passagenwerks" haben zum Ausgleich für den Fragmentcharakter des Werks wenigstens die Bruchstücke der Biographie zusammenzuleimen sich bemüht und jene "Rettung" versucht, die das pochende Herzstück des vitalen Theoriekorpus des späten Benjamin war.

          Die Arbeit an seinem "Baudelaire", ursprünglich als ein Kapitel des Passagenwerks, dann als Essay und schließlich als selbständiges Buch geplant, ist Benjamins Hauptbeschäftigung im Jahr 1938, mit dessen Beginn er eine neue Wohnung in Paris bezieht. Gleich im ersten Brief des neuen Bandes berichtet er Horkheimer von seinen Gesprächen mit Adorno über dessen "Versuch über Wagner". Dessen Tendenz, "das Physiognomische unmittelbar, fast ohne psychologische Vermittlung, im gesellschaftlichen Raum anzusiedeln", reizt ihn aufgrund der Nähe zu seiner eigenen Konzeption. Die späteren Einwände gegen die fertige Arbeit sind fortiter in re: "Der umstandslose Gebrauch der Kategorien des Progressiven und des Regressiven" mache die Ansätze zue "Rettung" Wagners "überaus problematisch". Da Rettung "eine zyklische Form" sei, schließe sie die ideologiekritische Abfertigung des Gegenstands im Namen einer "fortschrittlichen" Tendenz aus. Wenn die Ausweglosigkeit der Gegenwart die Rede vom Fortschritt verbietet, woher dann einen Maßstab zur Verurteilung der Vergangenheit gewinnen? Dann aber stellt sich das Problem der Auwahl historischen Materials: Alles ist erlösungsbedürftig und so gleich bewahrenswert.

          Bei Wagners Spiegelbild Baudelaire sei für Polemik "so wenig Raum", sei "so weniges verrufen und überholt, daß die Form der Rettung an diesem Gegenstande selbst zum Problem werden könnte". Die Schwierigkeiten des gesamten Passagen-Projekts hängen damit zusammen. Der tiefe Satz aus der Einbahnstraße, wonach das Werk die Totenmaske der Konzeption sei, bewahrheitet sich nun, da sich der Stoff wie der berühmte Brei im Märchen unaufhaltsam vermehrt. Unter dem theologischen Vorzeichen der Rettung der Vergangenheit als "historische Apokatastasis", als "Wiederbringung Aller" ist Benjamin gezwungen, alle Längen- und Terminvorgaben zu überschreiten und alle Energien auf die Arbeit zu werfen. Zuletzt ist es die Offenheit der Passagen, die den Fluchtweg verstellt.

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