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Rezension: Sachbuch : Reich an Genen, arm an Sorgen

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Im All ist alles erlaubt: Freeman J. Dyson hält Forschung für ein Himmelfahrtskommando

          Freeman J. Dyson ist ein optimistischer und pragmatischer Mann. Der emeritierte Professor für Physik am Institute for Advanced Study in Princeton will seinen wissenschaftlichen Lehrer Lügen strafen, der sich einst in die Schönheit der reinen Mathematik flüchtete, da der Nutzen angewandter Naturwissenschaft nur in der Vergrößerung bestehender Ungleichheit bestehe. So edel zimmert Dyson in der Einleitung seines Buches "Die Sonne, das Genom und das Internet" den Rahmen: ein Buch der Visionen soll es werden, die als Antrieb auf der Suche nach einer besseren Welt dienen sollen. Doch Dyson zeigt schon in den wenigen Beispielen der Einleitung, wie schlicht er die Frage nach ethischen Maßstäben anzugehen weiß. Als dereinst "adaptive Optik" das Thema seiner Arbeit gewesen sei, habe er über Möglichkeiten der militärischen Nutzung nachgedacht, sei aber zu dem Ergebnis gelangt, das sei bloße Phantasie. Der Verlauf der Geschichte habe ihn bestätigt. Das "Dual-use-Dilemma" technologischer Forschung hält er für grundsätzlich lösbar.

          Wissenschaft ist für Dyson dem Handwerk näher als der Philosophie, und so begibt er sich in Opposition zu jener Sicht des wissenschaftlichen Fortschritts, die jahrzehntelang die Wissenschaftsforschung geprägt hat: den Studien des Wissenschaftshistorikers Thomas S. Kuhn über "wissenschaftliche Revolutionen". Nicht die Rivalität von Ideen und der Prozeß des Paradigmenwechsels sei - wie Kuhn es behauptete - die Triebfeder wissenschaftlichen Fortschritts, sondern vielmehr die Neu- und Weiterentwicklung wissenschaftlicher Instrumente. In zahlreichen Anekdoten aus der Wissenschaftsgeschichte weist Dyson handwerkliche Begeisterung und Können als treibende Kräfte der Naturwissenschaft aus. "Sind die Instrumente gut, gibt die Natur auf eine klare Frage eine klare Antwort", lautet hier sein Credo.

          Gegen jene Soziologen, die Wissenschaft für ein "soziales Konstrukt" halten, führt er amüsiert den Aufsatz Alan Sokals von 1996 an, der die "kulturelle Kontextgebundenheit" der Theorie der Quantengravitation in einer an der Postmoderne orientierten Sprache persiflierte und in einer soziologischen Fachzeitschrift erschien, ohne von den Herausgebern als Scherz enttarnt worden zu sein. Doch ähnlich wie Sokal, der vergessen zu haben schien, daß es jemals einen Positivismusstreit gegeben hat, gelingt es Dyson nicht, für die wertfreie, objektive Geltung von Wissenschaft einen Beweis zu führen. Vielmehr offenbaren einige Textstellen den mitunter subtilen Charakter ideologischer Einfärbungen von Wissenschaft. So bietet er später mit der Behauptung, die Reproduktionsgenetik vermöge Kinder zu produzieren, die Olympiasieger im Eiskunstlauf werden, eine wissenschaftlich nicht gerechtfertigte Sicht des Menschens als bloße Summe seiner Gene.

          Aber wie kann Wissenschaft einen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit leisten? Sich von Max Weber absetzend, der den Fortgang und den Aufstieg der Technik als Folge religiöser Umwälzungen und ethischer Neubewertungen sah, behauptet Dyson: "Die Technologie treibt die Ethik voran." Wenn er aber im letzten seiner vier historischen Beispiele die Entwicklung der Haushaltsgeräte als treibende Kraft der Emanzipation und des sozialen Aufstiegs der Dienstboten ausmacht, braucht es nur eine Anmerkung am Ende des Buches, um zu zeigen, daß dies nur anekdotisch gilt: Nur zwei Zuhörer seiner Vorlesung entpuppten sich als Nachkommen einer Dienstbotenfamilie. Dyson übersieht, daß technologische Entwicklungen oftmals nur absichtslos Möglichkeiten zur Beseitigung von Ungleichheiten eröffnet, die dann aber in einem politisch-gesellschaftlichen Diskurs erst einmal erstritten werden muß.

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