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Rezension: Sachbuch : Rabbinerseminar und Rittergut

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Bewohner vieler Welten: Leszek Ziatkowski faßt die Geschichte der Juden in Breslau sehr selektiv zusammen

          In den Irrungen und Wirrungen deutsch-polnischer Vergangenheitsbewältigung war man lange geneigt, es zu vergessen: Bis 1933 war Breslau - wie Krakau, Amsterdam und Prag und viele andere Städte Europas - auch eine "ir v'em b'israel", eine Metropole des jüdischen Volkes. Dort war nicht nur die neben Berlin größte deutsche Judengemeinde beheimatet, dort befand sich mit dem 1854 begründeten Jüdisch-Theologischen Seminar auch eine der geistigen Hochburgen des neuzeitlichen aschkenasischen Judentums.

          Gleichwohl ist das jüdische Breslau bis heute nur lückenhaft erforscht und dargestellt worden. Umfangreichere Studien wie die jüngst erschienene Monographie von Till von Rahden (siehe F.A.Z. vom 9. Januar) bleiben dabei die Ausnahme. So kommt dem polnischen Historiker Leszek Ziatkowski, Dozent an der Universität Breslau, das Verdienst zu, jetzt erstmals eine Gesamtdarstellung ihrer Geschichte vorzulegen. Der Niederschlesische Verlag (Wydawnictwo Dolnoslaskie) hat das Buch mit Unterstützung der Stadt Breslau und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit sowohl in polnischer wie in deutscher Sprache herausgebracht.

          In der mit rund hundertzwanzig Seiten knapp bemessenen Darstellung ist nachzulesen, wie sich die wechselvolle Geschichte Breslaus als böhmische, polnische, habsburgische, preußische, deutsche und schließlich wieder polnische Stadt in den Schicksalen ihrer jüdischen Einwohner niedergeschlagen hat: Während sich die seit Beginn des dreizehnten Jahrhunderts nachweisbare Judengemeinde unter dem Schutz der polnischen Piastenfürsten unbehelligt entfalten konnte, sah sie sich unter der nachfolgenden böhmischen Herrschaft immer häufiger den Anfeindungen der christlichen Stadtgemeinde und gelegentlich auch der Landesherren ausgesetzt. 1455 wurden die Juden ganz aus der Stadt vertrieben, nachdem bereits zwei Jahre zuvor vierzig von ihnen unter dem Vorwand, sie hätten eine Hostie geschändet, von einem Tribunal unter dem Vorsitz des Franziskanermönches und berüchtigten Judenhassers Giovanni Capistrano auf den Scheiterhaufen gebracht worden waren.

          Erst dreihundert Jahre später, mit dem Beginn der Preußenherrschaft in Schlesien, wurde es Juden auch offiziell wieder erlaubt, sich dauerhaft in der Stadt niederzulassen. Den Juden, die zu jener Zeit mehr oder minder legal dort lebten (meist waren sie als Messekaufleute aus Polen nach Breslau gekommen), mußten die Maßnahmen der preußischen Obrigkeit indes als neuerliche Repression erscheinen - forderte doch die 1744 von Friedrich II. erlassene Judenordnung, daß das bisher "in Dero Haupt-Stadt Breßlau überhand genommene unnützes Juden-Volck binnen zwey Monathen gedachte Stadt räumen" solle. Tatsächlich mußten rund siebenhundert von etwa tausend in Breslau ansässigen Juden die Stadt verlassen. Den verbleibenden jedoch wurde es zum ersten Mal seit dem Spätmittelalter wieder erlaubt, sich in einer Gemeinde zusammenzuschließen.

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