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Rezension: Sachbuch : Pythagoras und Einstein waren schlampig gekleidet

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Für ihre Physik braucht Margaret Wertheim Forscher, die eine bessere Figur machen

          "Und der Herr stieg herab und sah den Beschleuniger, den die Kinder der Menschen bauten. Und der Herr sagte, Siehe, die Menschen entwirren meine Verwirrung. Und der Herr seufzte und sagte, Voran, gehen wir hin und geben ihnen das Gottesteilchen, worauf sie sehen mögen, wie schön das Universum ist, das ich geschaffen habe" (Das Sehr Neue Testament, 11:1). So sieht der Physiker Leon Lederman sein Forschungsgebiet, die Suche nach neuen subatomaren Teilchen, gerne dargestellt. Wie ein Prophet möchte er einer staunenden Öffentlichkeit die letzten Geheimnisse der Schöpfung offenbaren. Doch mit seiner Berufung zum Hohenpriester steht es ähnlich wie mit dem zitierten Sehr Neuen Testament: Gibt's gar nicht! Hat er sich selbst ausgedacht.

          Für Margaret Wertheim ist Lederman das Urbild eines Physikers: Von religiösem Eifer getrieben, beschäftigt er sich mit einem Forschungsgebiet, dessen Nutzen nicht unmittelbar auf der Hand liegt. Vor allem aber ist er ein Mann! Denn Männer haben es immer verstanden, die Frauen von der Beschäftigung mit der Physik fernzuhalten. Margaret Wertheim stellt die Geschichte der Physik als eine systematische Ausgrenzung der Frauen dar.

          Angefangen hat alles im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als die Griechen begannen, die Natur nicht länger als ein Schauspiel der Götter zu betrachten, sondern hinter ihre Kulissen zu sehen. Für Pythagoras von Samos, von dem es hieß, er sei ein Sohn des Apoll, den seine Mutter als Jungfrau zur Welt gebracht habe, war alles durch Zahlen erklärbar. Der Zahlenmystiker, der gegen zeitgenössische Modetrends Hosen trug, vertrat die Überzeugung, daß mathematisches wie göttliches Wissen nur denjenigen enthüllt werden dürfe, die an Körper und Geist vollständig geläutert waren. Läuterung hieß, daß das männlich definierte Element des menschlichen Wesens (die Seele), das weiblich definierte (die Materie des Körpers) hinter sich zu lassen hatte. Damit war der Mathematische Mann geboren, wie Wertheim den zölibatären Ergründer numerischer Naturgesetze nennt.

          Im Mittelalter reformierten Karl der Große und Gregor VII. das Priestertum durch Bildung. Latein war die Sprache ihrer Schulen, und Frauen hatten kaum Zugang zu dieser Geheimsprache. Die Kirche als Hüterin des mathematischen Wissens war nicht nur an einer mathematischen Beschreibung von Qualitäten wie Sünde, Wohltätigkeit oder Gnade interessiert, sondern auch an Dingen, die ihrer Macht zuträglich sein konnten, wie bessere Kalender, bessere Navigation oder bessere Ballistik. Die Herausforderung durch praktische Aufgaben führte in der Renaissance zu einer naturwissenschaftlichen Revolution, wie sie die weltabgewandten Philosophen Chinas trotz hervorragender mathematischer Kenntnisse nicht zustande brachten. Trotz aller Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt wurden, bemühten sich immer wieder auch Frauen, zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen, doch allen von Margaret Wertheim aufgezählten Geschlechtsgenossinnen blieben Anerkennung und Würdigung in der Männerdomäne versagt.

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