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Rezension: Sachbuch : Pythagoras und Einstein waren schlampig gekleidet

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Galileo machte sich als Hofmathematiker in Florenz bei wissenschaftlichen Disputen, den barocken Äquivalenten zu den mittelalterlichen Ritterturnieren, gerne und mit Erfolg über jesuitische Gelehrte lustig. Schließlich hielt er es nicht mehr für nötig, sich an die Absprachen mit Papst Urban VIII. zu halten, nach denen er nur hypothetisch über den Heliozentrismus schreiben sollte. Die Kirche sah sich genötigt, Galileo zu maßregeln, und verordnete ihm Hausarrest in seiner eigenen Villa. Der Lästerer, der keinen einzigen Tag im Gefängnis verbringen mußte, gilt heute als Märtyrer, während, wie die Autorin klagt, Hunderttausende von Frauen, die auf dem Scheiterhaufen landeten, der Vergessenheit anheimfielen.

Weder Galileo noch Newton, der vermutlich zeit seines Lebens erfolgreich den Frauen aus dem Weg ging, stellten mit ihren Erkenntnissen über die materielle Welt die Kompetenz des Christentums in Frage. Erst mit der auf die Aufklärung folgenden Industrialisierung entstand die Vorstellung einer Erlösung der Menschheit durch Wissenschaft und Technik. Damit war die Wissenschaft selbst zu einer Religion geworden, die ihren Jüngern Würde und Freiheit verhieß. Wie die katholische Kirche verstand es auch diese neue Religion, die Frauen von der Priesterweihe auszuschließen. Erst seit Beginn unseres Jahrhunderts erlangen Frauen allmählich Zugang zum Studium der Naturwissenschaften, am langsamsten dringen sie in die Physik ein. Albert Einstein, für die Autorin "dieser triefäugige Deutsche mit seinem wilden Haarschopf", stieg mit seiner Suche nach einer Weltformel, die alle bekannten Naturkräfte vereinigt und somit vielleicht den Bauplan der Schöpfung offenbart, zum mystischen Propheten auf. Er war schlampig, unmodisch gekleidet und bequem. Für diese Eigenschaften wurde er sogar gelobt, während die nicht minder geniale Mathematikerin Emmy Noether, die sogar von Einstein konsultiert wurde, mit den gleichen Eigenheiten eher den Spott der Leute auf sich zog.

Heute suchen die Physiker immer noch nach einer theory of everything und geben sich dabei religiöser denn je. Stephen Hawking verspricht uns, daß wir das Bewußtsein Gottes sehen werden, wenn die Suche nach einer vereinheitlichten Theorie zum Ende gelangt. "Er hat sich mit einer fast mystischen Aura umgeben", schreibt Margaret Wertheim, "in seinem Fall noch verstärkt durch den extremen Gegensatz zwischen der Kraft seines Intellekts und der Schwäche seines Körpers. Er stellt damit eine in vielen Kulturen der Welt vorhandene archetypische Gestalt dar - die des gelähmten oder verkrüppelten Sehers."

Margaret Wertheim bezweifelt, daß das Geld für neue, teurere und leistungsfähigere Teilchenbeschleuniger, mit denen physikalisch-religiöse Theorien experimentell bestätigt oder widerlegt werden könnten, gut angelegt ist. Sie möchte lieber die Kirche im Dorfe lassen. Würden mehr Frauen die Physik mitgestalten, würde das Geld sicher sinnvoller angelegt. Leider versäumt sie es, uns mitzuteilen, wofür. HARTMUT HÄNSEL

Margaret Wertheim: "Die Hosen des Pythagoras". Physik, Gott und die Frauen. Aus dem Englischen von Karin Schuler, Karin Miedler und Silke Egelhof. Ammann Verlag, Zürich 1998. 390 S., Abb., geb., 49,80 DM

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