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Rezension: Sachbuch : Psychologische Forschungskriegführung

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Wer bedächtige Halbargumente eiligen Ganzthesen vorzieht, ist schon ein Beschöniger: Olaf Blaschke revolutioniert die Kirchengeschichte mit der Antisemitismuskeule

          Olaf Blaschke hat 1997 mit seiner Dissertation "Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich" leidenschaftliche Diskussionen entfacht. Seine forsch vorgetragenen Thesen über einen modernen Antisemitismus als konstitutiven Teil des katholischen Milieus stießen auf harte Kritik, auch in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 1.Juli 1998). Blaschke scheint an der Rolle des Provokateurs Gefallen gefunden zu haben, denn seither beackert er dieses Feld mit missionarischem Eifer. Als jüngstes Ergebnis seiner Bemühungen liegt nun ein zusammen mit dem Schweizer Historiker Aram Mattioli herausgegebener Aufsatzband vor, der die Vorteile der komparativen Methode nutzen und die Debatte international erweitern will.

          Ein Rahmenmodell, mit dem es möglich sei, "den Antisemitismus in den Katholizismen verschiedener Länder analytisch in den Griff zu bekommen", zimmert sich Blaschke aus dreien seiner bekannten Hypothesen zusammen: Je mehr sich der europäische Katholizismus ultramontanisiert und in eine antimodernistische Defensive begeben habe, desto stärker und einheitlicher antisemitisch sei er geworden; ein "erlaubter" existierte dabei neben einem "sündhaften" Antisemitismus. Je kämpferischer schließlich der Katholizismus aus dieser antimodernistischen Defensive heraus agiert habe, desto "modernerer" Mittel habe er sich bedient - vor allem eben auch eines modernisierten Antisemitismus, der sich vom älteren Antijudaismus stark unterscheide und Momente der späteren "pseudowissenschaftlichen Rassenideologien" vorweggenommen habe.

          Dieses Gerüst mit empirischer Substanz zu füllen, sind die Beiträger des Bandes angetreten. Auf "Kontexte und Traditionen" mit einem instruktiven Überblick von Helmut Berding zum "Antisemitismus im 19. Jahrhundert" folgen "Fallstudien" über Frankreich (Pierre Sorlin), Italien (Carlo Moos), die Niederlande (Theo Salemink), Polen (Viktoria Pollmann), die Schweiz (Mattioli und Josef Lang) und Österreich (Hans Gruber). Den meisten Raum beansprucht in zwei theoretisierenden Beiträgen Blaschke selbst, während die einzig wirklich vergleichende Studie des Bandes, über die antisemitischen "Kulturen" Frankreichs und Deutschlands, von Johannes Heil stammt. Daß Blaschkes und Mattiolis Thesen der Katholizismusforschung drängende Fragen stellen, ist nicht in Abrede zu stellen. Daß sie andererseits nichts weniger besitzen als jene von beiden in Anspruch genommene todsichere Evidenz, darf als ebenso sicher gelten.

          Der Zusammenhang zwischen "Ultramontanismus" und Antisemitismus sollte in der Tat, wie vorgeschlagen, sorgfältig geprüft werden. Sozialgeschichtlich spricht viel für ihn, aus anderen Blickwinkeln, etwa geistesgeschichtlichen, gäbe es hingegen ein konkurrierendes Modell. Antijudaismus, so könnte man argumentieren (und damit Blaschke und Mattioli sogar links überholen), sei nicht nur konstitutiv für bestimmte katholische Milieus, sondern bereits für die christliche Lehre selbst, da zentraler Bestandteil der Heiligen Schriften, etwa des Römerbriefes. Aus diesem Blickwinkel fällt die Verabschiedung des von Blaschke als verharmlosend eingestuften Begriffes "Antijudaismus" dann keineswegs mehr so leicht, denn sein Inhalt rührte ans Mark des christlichen Dogmas. Mit der sehr schmerzlichen Aufarbeitung dieser Art von "katholischem Antisemitismus" hat sich die Wissenschaft und besonders die christlich-jüdische Theologie längst befaßt. Erinnert sei nur an Gregory Baum, David Flusser, Rosemary Ruether und Clemens Thoma.

          Freilich, je mehr sich Blaschke und Mattioli als die Reformatoren der Katholizismusforschung gerieren, desto merkwürdiger berührt ihr eigenartiges Nichtverhältnis zur Theologie. Wer diese nicht völlig außer acht läßt, wird sich nämlich vor der Formulierung von Schuld- und Versäumniszuweisungen die Frage stellen müssen, inwiefern die innerkatholische Auseinandersetzung mit dem dogmatischen Antijudaismus derjenigen mit dem Milieuantisemitismus nicht logischerweise vorausgehen mußte. Dabei gehörten diese Aufarbeitungsbemühungen ebenso zum Gesamtbild wie die sehr deutlichen Distanzierungen vom rassistischen Antisemitismus seit Pius XI.

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