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Rezension: Sachbuch : Protest ohne Podest

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Niklas Luhmann geht auf die Straße / Von Franziska Augstein

          4 Min.

          In Gott ist alles eins, der Teufel macht den Unterschied, und Niklas Luhmann beobachtet, was dabei herauskommt. Seine Systemtheorie befaßt sich mit mächtigen Molochen: mit der Wissenschaft, dem Recht, der Wirtschaft, der Politik, den Medien. Für kleine systemische Wadenbeißer, so schien es manchen, zeige Luhmann wenig Verständnis: Um zivilen Protest und alternative Lebensformen habe er sich nicht genug gekümmert. Das stimmt natürlich nicht. Luhmann hat zwar nicht als einer der Engagierten von sich reden gemacht, die sich mit ihrem Leib einem drohenden Verhängnis in den Weg legen - aber beobachtet hat er das Phänomen des Protests mit Fleiß seit vielen Jahren.

          "Die Gewohnheit zu protestieren", hat er einmal geschrieben, sei typisch für die bundesdeutsche Geschichte: "Und damit treten wir auch weltweit hervor." Seine feine Ironie macht Vergnügen. Sein Denken ist von höchster Präzision. Weil die Gesellschaft da nicht mithalten kann, wirkt sie in allen seinen Büchern ein bißchen tölpelhaft. Was die Protestbewegungen angeht, ist Luhmann skeptisch. Er tat sich schwer damit, sie als "Systeme" anzuerkennen. Proteste seien "Kommunikationen", hat er vor zehn Jahren geschrieben, "die an andere adressiert sind und deren Verantwortung anmahnen". Wortmeldungen, denkt Luhmann, sind gut und schön, aber ob sie gehört werden, hängt zum geringsten Teil von denen ab, die sie vorbringen.

          Da richten Leute sich auf Bäumen ein, die zur Rodung vorgesehen sind. In luftiger Höhe sind sie unter sich, wähnen sich als Außenstehende und sehen nicht, daß ihr Protest in Wahrheit innerhalb des attackierten Systems stattfindet und schon deshalb begrenzt in seiner Wirkung ist. Luhmanns Systeme sind ziemlich ausbruchssicher. Um da rauszukommen, genügt es nicht einmal, ein neues Leben anzufangen. Wer zum Beispiel gegen ein Gerichtsurteil auf die Barrikaden geht, hält das Urteil für ungerecht: Er bleibt im System des Rechts, das auf die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht gebaut ist. Jenseits des Rechts kann man im Gerichtssaal mit einem Revolver einigen Erfolg erzielen, den darf man dann aber nicht mehr aus der Hand legen. Will man das Recht auf Dauer überstimmen, muß man schon Chef einer Militärjunta sein.

          Luhmanns Aufsätze und Gespräche über Protestbewegungen, zu denen Kai-Uwe Hellmann ein ausgezeichnetes Vorwort geschrieben hat, befassen sich aber nicht mit der brachialen Gewalt. Hier geht es um den Allerweltsprotest, in dem die Frauenbewegung, Umweltschützer, Alternative und andere sich etabliert haben: "Die Bewegungen sind so bunt", schreibt er, "daß sie sich selbst schon so bezeichnen." Ihre Ziele nannte er einmal "wildes Wünschen" und hat den Verdacht nicht loswerden können, daß die Dinge, für oder gegen die da demonstriert wird, beliebig austauschbar seien.

          Die Protestbewegungen haben ein Problem: "Das Geheimnis der Alternativen ist: daß sie gar keine Alternative anzubieten haben. Das müssen sie sich selbst und anderen verheimlichen." Bei allem Wohlwollen ist Luhmann bisweilen von ihrer "blasierten Selbstgerechtigkeit" und der analytischen Unzulänglichkeit ihrer Gedanken enerviert. Aber selbst das sieht seine Theorie den Leuten nach: Sogar aus dieser Dürftigkeit haben sie noch etwas machen können.

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