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Rezension: Sachbuch : Post für den Hobbit

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Welcher Autor, so fragte neulich eine englische Kritikerin, ist das: um 1890 geboren, schrieb ein kurzes, erfolgreiches erstes Buch; dann ein langes und kompliziertes, in dem dieselben Figuren wieder auftauchen und in dem Sprachspiel und Mythos von zentraler Bedeutung sind; schließlich ein Spätwerk: ...

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          Welcher Autor, so fragte neulich eine englische Kritikerin, ist das: um 1890 geboren, schrieb ein kurzes, erfolgreiches erstes Buch; dann ein langes und kompliziertes, in dem dieselben Figuren wieder auftauchen und in dem Sprachspiel und Mythos von zentraler Bedeutung sind; schließlich ein Spätwerk: monumental, monomanisch, unlesbar? Die Antwort ist natürlich Joyce: "Porträt des Künstlers", "Ulysses" und "Finnegans Wake". Aber sie könnte genauso gut Tolkien heißen: "Der Hobbit", "Der Herr der Ringe" und "Das Silmarillion". Vor etwa zehn Jahren wäre es schlichtweg albern erschienen, den Fantasy-Autor neben den Gottvater der Moderne zu setzen. Inzwischen mag uns Tolkien vielleicht etwas weniger kindisch erscheinen, während der Meister der Glottolalie auch nicht mehr ohne das Kindische zu denken ist. Man sollte die beiden nicht gegeneinander ausspielen, genausowenig wie die elitäre gegen die Massenkultur. Eine Versuchung bleibt das immer für Kritiker. So etwa, als 1996 das Ergebnis einer Umfrage manchen Kunstrichter irritierte. Die Frage ging nach den fünf besten Büchern des Jahrhunderts, die Mehrheit der Leser entschied sich für den "Herrn der Ringe". Nur in Wales erreichte "Ulysses" den ersten Platz. Zum Ärger so mancher Intellektueller bestätigten spätere Umfragen dieses Ergebnis immer wieder. Tom Shippey, einer der besten Kenner des Werks von Tolkien, bezieht sich in seinem neuen Buch - nach "The Road to Middle-Earth" - des öfteren auf Joyce. Dabei geht es ihm sicherlich auch um eine Aufwertung Tolkiens. Doch will er zugleich zeigen, wie sehr beide Autoren in ihrem Jahrhundert verwurzelt sind, mögen sie sich auch noch so sehr in die Labyrinthe von Vorgeschichte, Mythos und Sprache verirren.

          Gleich zu Eingang kommt die überraschende These, der vorherrschende literarische Modus im zwanzigsten Jahrhundert sei das Phantastische. Eine These, die durch eine doch etwas anglozentrische Liste zustande gekommen ist, denn Shippey führt als Beleg eine Liste von Orwell und Golding bis hin zu Pynchon, LeGuin und Pratchett auf. Es fehlt nicht nur der Horizont der europäischen, gar Weltliteratur, sondern auch englischsprachige Autoren wie Virginia Woolf, D. H. Lawrence oder (wiederum) Orwell könnten solch voreilige Beobachtungen irritieren. Aber Shippey agiert aus der Defensive; er muß überziehen, um richtigzustellen. Seine Gegner sind die Snobs der akademischen und literarischen Welt, zu deren Götzenkult die routinierte Abkanzelung von Tolkien und Co. gehört. Was Shippey an Gegenwartskultur fehlt, holt er durch sein Wissen über die altenglische und altnordische Kultur und Sprache wieder ein. Schließlich lehrt er dieselben Fächer in Oxford, die einst Tolkien vertrat. Wie Tolkien geht es ihm um die Untrennbarkeit von Literatur und Linguistik, eine Vorstellung, die einen bei der heutigen Spezialisierung ins Grübeln bringt. Tolkiens These lautete, daß Sprache und Erzählung, "the tongue and the tale", aus derselben Einheit hervorgingen. Der Sprachphilosoph Owen Barfield, ein Mitglied jener legendären Inklings, zu denen Tolkien gehörte, hatte ihn auf diese Idee gebracht. Barfields "Evolution des Bewußtseins" ist an den sprachlichen Fossilien ablesbar. Tolkien setzt diese Erkenntnismöglichkeit um in eine Rekonstruktion von Mythen und Sprachen. Wie kein anderes Werk des zwanzigsten Jahrhunderts - wieder einmal abgesehen von Joyce - ist Tolkiens Opus aus dem Geist der Philologie geboren und von einer tiefen Liebe zur Sprache geprägt. Eine Stärke von Shippeys Buch bilden denn auch die genauen Analysen von Namen wie Baggins, Saruman oder Hobbit und ihrer etymologischen, literarischen und sozialhistorischen Schwingungsfelder. Shippey kann hier die Lektüre Tolkiens mit seiner Kenntnis des "Beowulf", der altenglischen Literatur und der isländischen Sagas bereichern und erweitern. Er verhilft auch zu einer neuen Einschätzung der Tolkienschen Leistung als einer beeindruckenden Beherrschung von Sprache in ihren verschiedenen historischen und stilistischen Ebenen. Man bekommt Einblick in die sorgfältige handwerkliche Arbeit mit ihren endlosen Revisionen, die Tolkien seinem Werk angedeihen ließ.

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