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Rezension: Sachbuch : Post für den Hobbit

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Warum, so fragt sich Shippey immer wieder, wird Tolkien so gerne gelesen? Ginge es nur um die Flucht ins Phantastische, so wäre die auch billiger zu haben. Tolkien verlangt seinen Lesern eine Menge ab, gleichzeitig bietet er ihnen aber auch einen Zugang. Shippey findet ihn in einem grundlegenden Anachronismus. Auf der einen Seite verfolgte Tolkien ein Projekt wie Lönnrot, der die finnische "Kalevala" erdichtete. Es bestand darin, das fragmentarische Wissen, das wir über unsere Frühgeschichte aus Märchen, Sprüchen und Rätseln haben, zu einem zusammenhängenden Kosmos zu verbinden - einem Kosmos, der letztlich fremd, ungeheuerlich und erschreckend bleiben muß, voller nichtmenschlicher und menschenähnlicher Intelligenzformen, die "uns" an den verschiedenen Gabelungen der Evolution begegnet sein müssen. Auf der anderen Seite erschafft Tolkien Figuren, die nach Sprache und Wertsystem unserer Zeit entstammen. Was in einer vergessenen Tiefe der Zeiten spielt, wird von englischen Bürgern der Mittelschicht erlebt. Diese Hobbits rauchen ein Kraut in der Pfeife, das tabakähnlich ist, zumindest ist "Tabaksdose" das letzte Wort in "Der Hobbit", doch Tabak ist in England erst seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts belegt. Weiterhin genießen sie eine Postzustellung, die es so in England erst seit 1837 gibt. Diese Freunde des guten Lebens mit ihren Gärten und Höhlen passen überhaupt nicht nach Mittelerde mit seinen Drachen, Orks, Ents und Balrogs. Genau in dieser fehlenden Anpassung aber liegt nach Shippey der Reiz dieser Geschichten.

Bekanntlich lehnte Tolkien jede allegorische Interpretation seiner Ringerzählung ab - ob als Kommentar zu Hitler oder zur Atombombe. Sein Exeget ist da vorsichtiger und überläßt die Anwendung lieber den Lesern. Ob Hippies, Osteuropäer vor der Perestroika oder Ökologen: Sie alle haben sich Tolkiens Welt zunutze gemacht, weil diese doch teilweise immer die des zwanzigsten Jahrhunderts war. Auch Tolkiens Phantasie kam nicht ungeschoren durch die Abgründe der Epoche, zumal er selbst als Soldat den Ersten Weltkrieg erlebt hatte. Diese Erfahrungen haben ihn belehrt, daß das Böse nicht so einfach zu fassen ist. Shippey konstatiert denn auch zwei verschiedene Sichtweisen des Bösen, die bei Tolkien im Konflikt liegen: ein inneres und ein äußeres Böses.

Man mag weiterhin Zweifel hegen gegen die hier verborgenen ideologischen Sedimente. Doch sollte man dabei nicht übersehen, daß der Zweifel selbst Teil des Werkes ist: der Zweifel des literarischen Schöpfers gegenüber diesem Versuch, Moderne mit Mythos zu verbinden. Tolkien wußte oft lange nicht, wohin sich die Geschichten entwickeln würden. Der Zwang zu Kartenwerken deutet auf Orientierungsprobleme. Noch deutlicher wird der künstlerische Zweifel in einigen Erzählungen wie "Leaf by Niggle". Im Zentrum des "Herrn der Ringe" steht, wie bei vielen Werken der Moderne, das Scheitern. Tolkien und seine Inklingsfreunde scheuten sich nicht, vom Sündenfall und dessen Folgen zu sprechen. Bei Tolkien gibt es keinen Anlaß zum blinden Optimismus, wie ihm oft vorgeworfen wird, wohl aber zum Mut. Und Shippeys Buch zeigt, daß Tolkien mehr verdient hat als die reflexhafte Abfertigung.

ELMAR SCHENKEL

Tom Shippey: "J. R. R. Tolkien. Autor des Jahrhunderts". Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Krege. Verlag Klett-Cotta Stuttgart, 2002. 393 S., geb., 25,- EUR.

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