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Rezension: Sachbuch : Platons muslimische Söhne

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Mystik statt Aristotelismus: Eine neue Sicht der islamischen Philosophie

          Die letzte "Geschichte der islamischen Philosophie" wurde 1970 in Amerika von Majid Fakhry geschrieben und umfaßte knapp vierhundert Seiten englischen Text. Das hier zu besprechende Werk besteht aus zwei Teilen mit zusammen 1211 Seiten. Es ist in 71 Artikel gegliedert und von 52 Autoren verfaßt, von denen zehn im Orient leben. Viele der Beiträge sind allzu kurz, um den aktuellen Forschungsstand demonstrieren zu können: Mystik dreizehn Seiten, Ibn Khaldun fünfzehn Seiten, Averroes und Ibn Sina je sechzehn Seiten. Eine Ausnahme bildet der Beitrag des einzigen deutschen Autors, Hans Daiber, zur politischen Philosophie mit fünfundvierzig Seiten und einer ausgezeichneten Bibliographie.

          Das Werk ist somit nicht eigentlich eine Geschichte der islamischen Philosophie, sondern ein Handbuch. Die Artikel sind in zehn Kapitel gegliedert, wobei auffällt, daß nur in den Kapiteln zwei bis fünf das abgehandelt wird, was man gemeinhin in einer Geschichte der islamischen Philosophie erwartet: Kapitel zwei behandelt die frühen Philosophen im Osten zwischen al-Kindi und al-Ghazali; hervorzuheben ist darin die Erörterung des Begriffes "orientalische Philosophie" bei Ibn Sina. Kapitel drei beschreibt die Philosophen im Westen des Islam zwischen Ibn Masarrah und Ibn Kahldun; Kapitel vier das Verhältnis von Philosophie und mystischer Tradition; Kapitel fünf die spätere islamische Philosophie zwischen al-Tusi und Schah-Waliullah.

          Die übrigen Kapitel sind anders, und das zeichnet den vorliegenden Band vor allen früheren Darstellungen der islamischen Philosophie aus. Das erste Kapitel beschreibt den religiösen und intellektuellen Kontext, in dem die islamische Philosophie entstanden ist. Dabei wird nicht nur auf den griechischen und syrischen Hintergrund eingegangen, sondern erfreulicherweise auch auf den indischen und persischen, ebenso auf die ismailitische Philosophie. Das sechste Kapitel muß besonders hevorgehoben werden, behandelt es doch die jüdische philosophische Tradition in der islamischen Welt. Auch hier sind die Beiträge zu kurz, doch wird der Leser mit unerwarteten, gleichwohl hochinteressanten Themen vertraut gemacht, zum Beispiel "Judentum und Sufismus" und "Jüdischer Averroismus". Das siebte Kapitel behandelt die islamische Philosophie in ihren klassischen Disziplinen Metaphysik, Logik, Ethik, Ästhetik, Recht, aber auch Literatur, Sprache, Wissenschaft und politische Philosophie.

          Kapitel acht beschreibt die Einstellung der mittelalterlichen Juden und Christen sowie der modernen westlichen Forscher zur islamischen Philosophie. Kapitel neun untersucht die islamische Philosophie in der Moderne, während das Schlußkapitel auf Interpretationen der islamischen Philosophie im Westen verweist. Dabei wird wieder einmal der Begriff "Orientalismus" abgehandelt, Henry Corbins Werk hingegen leider viel zu kurz entfaltet und schließlich ein Blick auf die islamische Philosophie in Rußland geworfen.

          Was aussieht wie ein mehr oder weniger willkürlich zusammengestellter Sammelband, verfolgt jedoch eine ganz bestimmte Absicht, und diese kann nicht anders bezeichnet werden denn als eine grundlegende Korrektur einer lange herrschenden Meinung: Die Kapitel vier (Philosophie und Mystik) und fünf (Spätere islamische Philosophie) beanspruchen mehr als dreihundert Seiten, die Kapitel zwei und drei aber nur zweihundert. Das heißt: den eigentlich "klassischen" Denkern der islamischen Philosophie zwischen al-Kindi und Ibn Khaldun wird weniger Platz eingeräumt als der sogenannten mystischen Tradition und der Zeit nach 1258, nach dem Mongolensturm und dem Ende des abassidischen Kalifats.

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