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Rezension: Sachbuch : Platons muslimische Söhne

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Mit dieser Darstellung soll der eurozentrischen These widersprochen werden, daß die islamische Philosophie mit Averroes (gestorben 1198) zu Ende gegangen und an ihre Stelle dann die lateinische Scholastik getreten sei. Zwar sei, so Charles Genequand, die Philosophie als autonome Disziplin mit Averroes gestorben, aber sie habe sich, um zu überleben, in die islamische Mystik (Sufismus) und Spiritualität integriert. Darum wird in diesem Werk eine große Linie gezogen von Hamadani, gestorben 1131, über Suhrawardi, gestorben 1191, und al-Tusi, gestorben 1274, zu Mulla Sadra, gestorben 1640. Henry Corbin hatte diese Denker als Theosophen bezeichnet, nicht als Philosophen. In Majid Fakhrys "Geschichte der islamischen Philosophie" spielen diese Theosophen überhaupt keine oder nur eine Nebenrolle.

Die neue Sicht der islamischen Philosophie hat weitreichende Konsequenzen: Da eigentlich alle islamischen Philosophen - die Ausnahme bleibt Averroes - Sufis, also Mystiker gewesen seien, tritt Aristoteles ab und an seine Stelle rückt Platon. Wurde nicht einigen Sufis der Titel "Ibn Aflatun" verliehen, Sohn Platons? Mahmud Erol Kilic aus Istanbul darf darum feststellen: "Wahre islamische Philosophie ist ihrem Wesen nach mystische Philosophie, Philosophie in ihrer höchsten Vollendung ist von der Mystik nicht zu trennen." Selbst die Aristoteliker unter den Philosophen im Islam hätten sich dem esoterisch-mystischen Wissen zugewandt.

Der Leser staunt, zumal die Sach-Kapitel über Literatur, Wissenschaft, Ethik, politische Philosophie, Logik und Metaphysik dieser These zu widersprechen scheinen, da sie über Averroes nicht hinausgehen. Und war nicht das Wort "Philosoph" im arabischen Mittelalter ein Synonym für Aristoteles? Soll an dessen Stelle nun durchgängig eine platonisch-mystische Tradition gesetzt werden? In der deutsch-italienisch-französischen Schule um Kurt Flasch tritt man seit Jahren vehement dafür ein, daß die sogenannten Mystiker, zum Beispiel Meister Eckhart, nicht als Mystiker, sondern als Philosophen verstanden werden müßten. Nasr und Leaman drehen den Spieß um: die Philosophen müssen als Mystiker interpretiert werden. Ist das ein islamischer Sonderweg?

Vielleicht ja - vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, daß am Ende des Werkes ein Kapitel Henry Corbin gewidmet ist und nicht Leo Strauss. Denn gegen Strauss und seinen Zugriff auf die islamische Philosophie des Mittelalters schreibt dieses Buch an. Ihm wird "Orientalismus" übelster Sorte vorgeworfen, da er immer nach einem verborgenen Sinn bei den Philosophen gefragt und sie darum als "islamische" Philosophen nicht ernst genommen habe. Diese "Geschichte der islamischen Philosophie" versucht, die Thesen von Leo Strauss und die seiner Schüler Ralf Lerner und Charles E. Butterworth zu revidieren. Sie vor allem dürften gemeint sein, wenn Nasr von der islamischen Philosophie und "its recent caricature in the Anglo-Saxon world" spricht.

Der Hauptvorwurf gegen die eurozentrisch-westlichen Interpreten besteht darin, daß sie ihr Verständnis von aufgeklärter Vernunft auch bei den muslimischen Denkern suchten. Hierdurch werde ein großer Teil der islamischen Denker gar nicht berücksichtigt, und denjenigen, die behandelt würden, werde Unrecht getan - weil sie Mystiker seien. Der letzte Satz des letzten Kapitels lautet: "Philosophie kann nur eine Apologie für den Glauben sein." Das klingt überzogen, ist aber als Korrektur einer einseitigen Sicht vielleicht notwendig, um das weite Spektrum dessen zu verstehen, was islamische Philosophie sein kann. Man darf gespannt auf die Aufnahme dieses Werkes durch die Strauss-Schüler sein. Das Buch bringt neue Spannung in die Geschichtsschreibung der islamischen Philosophie. FRIEDRICH NIEWÖHNER

"Routledge History of World Philosophies". Volume I: "History of Islamic Philosophy". Part I and II. Hrsg. v.Seyyed Hossein Nasr und Oliver Leaman. Routledge, London/New York 1996.

1211 S., geb., 120 brit. Pfund.

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