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Rezension: Sachbuch : Pilzkopfgeburten

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Die Deuter sind einfach nicht totzukriegen / Von Hartmut Hänsel

          Die achtundsechziger Generation besteht nicht nur aus durchtrainierten Marathon-Ministern und fallschirmspringenden Achtzehn-Prozent-Männern. Viele Menschen, die das Glück hatten, während der Beatles-Ära vierzehn bis dreißig Jahre alt zu sein, leiden heute unter typischen Altersbeschwerden. Wer die "Beatles-Anthology" liest, kann dank des hohen Gewichts und des ausladenden Formates dieses Werkes am eigenen Leibe erfahren, was wohl mit "Boy - you're gonna carry that weight" gemeint war. Oft strapaziert kleingedruckter Text auf Bildhintergrund die "kaleidoscope eyes" eines Mittfünfzigers. Zum Glück für den weniger gestählten Zeitgenossen der Fab Four gibt es leicht handhabbare Lektüre über seine Lieblingskapelle der einsamen Herzen. Ian MacDonald brachte schon vor Jahren sein "Handbuch zum Nachschlagen, Stöbern und Schmökern" heraus, das jetzt in handlichem Format auch in deutscher Sprache vorliegt.

          MacDonald stellt jeden der 241 Songs vor. Er erläutert biographische und gesellschaftliche Hintergründe, aber auch die sich entwickelnde Aufnahmetechnik im Studio. So erfährt man beispielsweise, daß der Buddy-Holly-Song "Words of Love" sich dadurch auszeichnet, "daß hier zum ersten Mal in der Geschichte des Pop eine Songstimme gedoppelt wird". Während Holly also mit sich selbst sang, sangen bei den Live-Auftritten der Beatles Lennon und Harrison. Die Beschriftung des Aufnahmebandes zeige, daß Harrison bei der Plattenaufnahme durch McCartney ersetzt wurde. Der tatsächliche Klang lasse aber vermuten, daß doch ersterer gesungen habe. Vom Cover der LP "Beatles for Sale" wußten wir bereits, daß Ringo Starr bei dieser Aufnahme auf einem Schrankkoffer spielte. MacDonald weiß mehr: Das Schloß des Koffers war locker und erzeugte ein "Geräusch, das wirkt, als würde jemand nicht im Takt klatschen". Das ist fein beobachtet und vermittelt dem Leser möglicherweise Fakten, die ihn schon immer interessierten.

          Noch mehr Fakten liefert MacDonald über "Ticket to Ride". Der Titel sei aus einem Wortspiel mit Ryde, einem Fährhafen auf der Isle of Wight, entstanden. Lennon und McCartney seien mit einer Tagesausflugfähre von Portsmouth nach Ryde gefahren, um dort Freunde zu besuchen, vermutlich am 8. April 1963. John Lennon habe bei der Aufnahme im Studio seine E-Gitarre mit einer Energie gespielt, "die er offenbar aus dem Abenteuergeist zog, der damals in Großbritannien weit verbreitet war". Vielleicht lag es aber auch einfach an seiner ersten Erfahrung mit LSD. MacDonald weiß nicht, ob der Song von LSD inspiriert ist, aber er konfrontiert uns mit möglichen Daten über Lennons ersten Konsum dieser Droge. Er vermutet dieses Ereignis im Januar oder Februar 1965, jedenfalls vor dem Aufnahmetermin am 15. Februar, zieht aber auch Peter Brown heran, der behauptete, es war nach Ende März 1965, und Albert Goldman, der die Begebenheit "irgendwann 1964" ansiedelt. Ob nun "Ticket to Ride" Lennons "erste kreative Antwort auf LSD ist, läßt sich bei dem, was an Indizien vorliegt, nicht sagen". MacDonald spekuliert nunmehr, daß Lennons "schwerer Rhythmus und sein Eintauchen in den elektrischen Sound" auch ein Nebenprodukt von Hasch-Inspiration sein könnten. Damit erschöpft sich jedoch seine Fähigkeit, Mücken auf Elefantenbeine zu stellen, noch lange nicht. Ihm fällt auch auf, daß das Wort "sad", das in einem halben Dutzend Songs vorkommt, hier ein Gewicht hat, "das in der bedrückenden Pedalton-Tonalität und den absichtlich schwerfälligen Drums plastisch erfahrbar wird". Wo hat er bloß die geschwollenen Redensarten her?

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