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Rezension: Sachbuch : Pergamentene Jahresringe

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Allerlei Wunder und Wunderliches in der Petersberger Chronik

          Es geht hier nicht um die jetzt durch ihr Hotel berühmte Erhebung bei Bonn, sondern um eine andere Gründung der Augustiner-Chorherren: das Stift Petersberg auf der gleichnamigen Anhöhe nördlich von Halle an der Saale. Dorthin beriefen in den Jahren 1124/25 Grafen aus dem Hause der Wettiner, die Brüder Dedo IV. und Konrad I., einen Predigerkonvent. Und dort entstand etwas mehr als ein Jahrhundert später, um 1230, eine wichtige Quelle für die Geschichte des hohen Mittelalters, die von einem unbekannten Insassen des Stifts verfaßte Petersberger Chronik.

          Der Anonymus hat sich, wie es sich für einen Gelehrten jener Zeit gehört, der lateinischen Sprache bedient. Wer das Original zu studieren wünscht, sieht sich auf eine Ausgabe des Jahres 1874 verwiesen: auf den 23. Band der Reihe "Scriptores in Folio" in der großen Quellensammlung Monumenta Germaniae historica. Jetzt hat Wolfgang Kirsch, Latinist an der Universität Halle-Wittenberg, zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung vorgelegt.

          Auch die Fachwelt wird davon profitieren: Zahlreiche Erläuterungen erhellen den Text; man erfährt sofort, um welchen der vielen Dietriche, Friedriche oder Johanns es sich jeweils handelt, und man bekommt Ortsnamen erklärt und Zitate nachgewiesen (biblische und andere, auch eines aus der Liebeskunst Ovids).

          Hauptsächlich aber wendet sich das Buch an einen Leserkreis, der einmal Mittelalterliches aus erster Hand empfangen möchte. Die Chronik hat zuvorderst die Geschichte des Stifts zum Thema, aus dem sie hervorging. Doch liefen von dessen Insassen - Kanonikern wohl durchweg adliger Herkunft - vielerlei Fäden zu den wettinischen Grafen, denen der Petersberg als Grablege diente, zu den Bischöfen der Umgebung und zum Erzbischof von Magdeburg und schließlich auch zu den Kaisern und Päpsten. All das spiegelt sich in dem Bericht: Um die Lokalgeschichte reihen sich - konzentrischen Ringen gleich - die Ereignisse westlich und östlich der Elbe, im übrigen Reich, in Europa und im Heiligen Land. Ein kluger, kritischer Kopf betrachtet die jüngste Vergangenheit und vor allem die von ihm selbst erlebte Gegenwart aus der Perspektive eines Chorherrn auf dem Petersberg. Das macht einen Hauptreiz des Werkes aus: Objektive Geschehnisse werden als etwas subjektiv Erfahrenes vermittelt.

          Man lasse sich durch mancherlei Einzelheiten nicht stören, durch Sequenzen dürrer Fakten. Den meisten Raum beanspruchen in sich geschlossene Erzählzusammenhänge, von Anekdoten bis zu ausführlichen Berichten über dramatische Machtkämpfe - wobei der Leser schnell vergißt, daß der Autor das rigide annalistische Prinzip, die Anordnung nach Jahren, befolgt hat. Man fühlt sich in eine teils fremde, teils nur allzu vertraute Welt versetzt.

          Fremdartig wirkt die ständisch bedingte Optik: Man bewegt sich durchweg in klerikalem und adligem Milieu, so daß man meinen möchte, außer Kirchen, Klöstern und Burgen habe damals nicht viel Nennenswertes existiert. Sehr vertraut hingegen nehmen sich die Partien aus, die vom Allzumenschlichen zumal der geistlichen Herren zeugen: die Schilderungen der Intrigen und Querelen, des Gerangels um Ämter und Posten. Schon im dreizehnten Jahrhundert, erfährt der Leser mit Staunen, wandte man den Trick an, "unreife Jünglinge für volljährig zu erklären", weil man so seine Anhängerschaft zu vergrößern hoffte.

          Die Chronik spart nicht mit Nachrichten kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Inhalts: Die Herstellung von Handschriften und die Beschaffung von Beutekunst aus Byzanz, das Aufkommen der Turniere und das Vordringen der Bettelorden, allerlei Wunder und auch Wunderbetrug, der Zerfall der Klosterdisziplin und die Anfänge des Ablaßunwesens, schließlich die zunehmenden ökonomischen Sorgen der Stiftsverwaltung - all dies und manches andere lassen ein Zeitalter erstehen, das mit großer Dynamik im Städte- und Kirchenbau, im Handel, im Gewerbe und im Geldwesen vielfältige Neuerungen eingeführt hat.

          Der umfänglichste Erzählkomplex handelt von Dietrich von Landsberg, der es im Jahre 1212 nach mancherlei Kämpfen zum Propst des Stifts auf dem Petersberg brachte: Die ständigen Zwistigkeiten, die diese Wahl eines offensichtlich eher herrschsüchtigen als herrschfähigen Mannes zur Folge hatte, bilden in der zweiten Werkhälfte den roten Faden des Berichts. Allerdings: Wer den Propst Dietrich als "Stein des Anstoßes für alle Sittlichkeit", als "Anstifter zu abscheulichster Verworfenheit", als "immerbereiten Erneuerer allen Durcheinanders und aller Zwietracht", als "Sohn der Sünde" und "Vieh" zu charakterisieren wagt, der bekundet zwar hinlänglich, wie wenig er seinen Oberen zu schätzen weiß, gefährdet jedoch zugleich die Glaubwürdigkeit seiner Darstellung.

          Die auch durch ihre Schwächen attraktive Chronik ist mit einem Nachwort versehen, das kurz und klar über die für das Verständnis erforderlichen Generalia unterrichtet. Chronologische Tabellen zum zwölften Jahrhundert - Päpste, Kaiser, Bischöfe, Pröpste - erleichtern die Orientierung. Die Übersetzung ist ausgezeichnet und liest sich, ohne aufdringlich zu aktualisieren, wie ein Original aus unserer Zeit. MANFRED FUHRMANN

          "Chronik vom Petersberg (Cronica Montis Sereni) nebst der Genealogie der Wettiner". Übersetzt und erläutert von Wolfgang Kirsch. Fliegenkopf Verlag, Halle 1996. 287 S., 22 Abb., geb., 38,- DM.

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