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Rezension: Sachbuch : Panzerkreuzer in der Wüste: Reinhart Wolfs Fotografien tauchen spanische Castillos in das Licht der Phantasie

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Es sind nicht nur die alten Knabenträume, die Burgen phantastisch beleben, wie neuerdings im "Harry Potter"-Film: Als steinerne Zeitzeichen faszinieren sie den Historiker, den Kunstexperten, den Landschaftsbesessenen und alle möglichen multiplen Träumer. Das Heim des Grafen Dracula hinter dem finsteren ...

          Es sind nicht nur die alten Knabenträume, die Burgen phantastisch beleben, wie neuerdings im "Harry Potter"-Film: Als steinerne Zeitzeichen faszinieren sie den Historiker, den Kunstexperten, den Landschaftsbesessenen und alle möglichen multiplen Träumer. Das Heim des Grafen Dracula hinter dem finsteren Borgo-Paß, die "Parsifal"-Gralsburg, die Mittelalter-Imago von Eltz an der Mosel, das gottverlassene Gemäuer in Eichendorffs "Auf einer Burg", bei Schumann beklemmend archaischer Klang geworden - Burgen lassen gleichermaßen Mythen, Sagen und Märchen, ferne Geschichte wie erregend unmittelbare Geschichten assoziieren. Und stets bleiben sie genuin romantischer Topos, nicht zuletzt als Ruinen, ob an Rhein oder Donau: fortwährende Dokumente der Vergänglichkeit, aber auch blutiger Geschehnisse, unablässiger Fehden in Schottland oder grausamer Unterdrückung wie in den südfranzösischen Katharer-Burgen. Romantische Aura und schreckliche historische Realität fallen nicht selten in eins.

          Ebenso selbstverständlich verfließen die Grenzen zwischen Burg, Schloß und gewaltig befestigter Stadt - wie im französischen Carcassonne oder im spanischen Avila. Trotzdem gibt es ein Land im Land, das wie kein anderes durch die unterschiedlichsten Festungen geprägt wurde, ja von diesen seinen Namen erhielt: Kastilien. Wer Spanien durchreist, gerät in den Bann der "Castillos" in ihrer ganzen Vielfalt, Pracht und horrenden Düsternis. Verglichen mit den Burgen in Deutschland oder Österreich wirken sie mitunter kaum "romantisch" anheimelnd, stimmungsvoll, gar nach Art der britischen Ruinenromantik als dekorative Verfalls-Fiktion. Sperrig oft im wahrsten Sinne stehen sie inmitten weiter, oft genug öder, ausgedörrter menschenleerer Landschaften. Und ihren militärisch-machtpolitischen Zweck haben sie in der Regel schon vor vier-, fünfhundert Jahren verloren. Seltsam nutzlos-unbewohnbar liegen sie vor einem. Ihre historische Funktion läßt sich ahnen, allenfalls imaginieren. Und so pittoresk beeindruckend sie sein mögen, so anonym bleiben sie als Zweckbauten: Im Gegensatz zu nicht wenigen Kathedralen wissen wir über die Baumeister kaum etwas.

          Wohl aber können wir ihrer Bauweise viel entnehmen über die jahrhundertelangen Konflikte auf der Iberischen Halbinsel, dem auch architekturgeschichtlich relevant gewordenen arabisch-christlichen Kräftegeschiebe mit seinen wechselnden Baustilen. Und das politisch-militärische Hin und Her zwischen 1000 und 1500 ist allenfalls auf dem späteren Balkan nachvollziehbar. 2538 burgähnliche Monumente will man in Spanien gezählt haben, Zeugnisse auch permanenter Kriege und Fehden. Daß die Fotografen von den spanischen "Castillos" zu allen Zeiten fasziniert waren, ist mehr als nur erklärlich, so einzigartig ist der Zusammenklang von hinfälligem Menschenwerk und majestätisch-monotoner Natur.

          Reinhart Wolf hat sich ganz besonders auf die Aufnahme von Castillos kapriziert, sie in großformatigen Bildern festgehalten. Und so wie er ihrer auratischen Suggestion erlegen ist, so kam er auch nicht umhin, gleichsam am Mythos weiterzuwirken: Nicht nur sieht man auf seinen Aufnahmen keinerlei Menschen, er hat die bizarren Gemäuer auch meist in der Morgen- oder Abendsonne aufgenommen, als überzeitliche Monumente in jeglicher Hinsicht.

          Entstanden sind Bilder von archaischer Wucht, von schier vorzeitlicher Mächtigkeit: Peñafiel in der Provinz Valladolid (unser Foto), eine der bedeutendsten Festungen des mittelalterlichen Kastilien, wirkt tatsächlich wie eine hoch auf einem Bergrücken gestrandete steinerne Arche. Bei den sonnendurchglüht-ausgedörrten kargen Landschaften mit ihren charakteristischen Braun-, Rot- und Gelbtönen, den unendlichen Ebenen und bizarren Sierras in der Ferne denkt man unwillkürlich an Dalí. Doch nicht nur das: Manche der Burgen wirken in der Realität wie in der fotografischen Transposition fast als einst lebendige Ungetüme, aus Vorzeiten übriggeblieben - wie die Saurier am Schluß der "Sacre"-Vision in Walt Disneys "Fantasia". Der Prachtband enthält zudem vorzügliche Essays von Cees Nooteboom und Fernando Chueca Goitia.

          GERHARD R. KOCH.

          Reinhart Wolf: "Castillos". Burgen in Spanien. Mit Texten von Cees Nooteboom, Fernando Chueca Goitia und Hermann Schreiber. Aus dem Spanischen von Rainer Chrapkowski, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Verlag Schirmer/Mosel, München 2001. 112 S., 32 Farbtaf., 32 Abb., geb., 49,80 .

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