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Rezension: Sachbuch : Panoramen der Diaspora - Frédéric Brenner fotografiert jüdisches Leben in Amerika

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          Die Gästeliste war eindrucksvoll. Lauren Bacall und Ralph Lauren, Roy Lichtenstein und Betty Friedan. Itzhak Perlmann und Arthur Miller. Bedauernd abgesagt hatten Steven Spielberg und Philip Roth, Saul Bellow und Dustin Hoffman, Henry Kissinger, Kirk Douglas, Barbra Streisand. Nur Michael Ovitz blieb der Einladung unentschuldigt fern. Ausgesprochen hatte sie der französische Fotograf Frédéric Brenner, um einige Tage nach dem jüdischen Neujahrsfest im September des vergangenen Jahres mit seinen Gästen das Gelingen eines herkuleischen Vorhabens zu feiern. Das letzte, das amerikanische Kapitel seiner selbstgewählten Lebensaufgabe, jüdisches Leben in der Diaspora, also überall auf der Welt, fotografisch zu dokumentieren, war abgeschlossen. "Life" hatte eine Auswahl seiner Arbeiten gedruckt, in Ausstellungen in New York und Tel Aviv waren sie zu sehen, ein Buch war kurz vor der Fertigstellung.

          Jetzt ist es erschienen, in einem Format, das die Größe des Vorhabens und auch die provozierende Absicht des Fotografen verrät. Keine Fensterbank ist breit, kein Bücherschrank tief genug, um ihm Platz zu geben. So wird es lange Zeit auf Couchtischen herumliegen. Wer es aufschlägt, sollte alles andere abräumen, denn viele Fotos im Panoramaformat müssen ausgeklappt werden, was eine Seite auf die Breite von gut siebzig Zentimetern streckt. Das Buch heißt "Jews / America / A Representation", und die umständliche Handhabung, so ist zu vermuten, gehört zum Programm.

          Denn Brenner, der in den vergangenen drei Jahren in Amerika, in den Jahren zuvor in sechsunddreißig anderen Ländern unterwegs war, präsentiert keine Eindrücke des jüdischen Alltagslebens in Amerika im Sinn flüchtiger Augenblicke. Im Gegenteil, jedes Bild ist gestellt, die Personen sind aufwendig inszeniert. So hat Brenner zum Beispiel für die Aufnahme einer Karawane von Taxifahrern am Strand von Coney Island zuerst den Untergrund mit Holzplateaus abstützen müssen, damit die Autos nicht im Sand versanken, und sodann die Oberfläche wieder dünn mit Sand berieselt. Keine Improvisation, keine Spontaneität ist in diesen Bildern zu finden. Sie sind kalkulierte Repräsentationen jüdischer Kultur in Amerika - und zeigen die innige Verschmelzung einander zunächst fremder Welten, wie sie sich mit einiger Ironie in dem Bild der Hebräischen Akademie in Las Vegas offenbart. Brenner versammelte dort die Gemeindemitglieder pyramidenförmig auf einem Podest, direkt neben der Sphinx, die den Eingang zum Hotel Luxor bewacht.

          Fast immer fällt die Selbstbefragung nach jüdischer Identität in die Falle zwischen Schtetl und Holocaust. Brenner versucht ihr mit seinen Inszenierungen zu entkommen und zwischen Assimilation und Selbstbehauptung der amerikanischen Juden eine Vielfalt von gelebten Möglichkeiten vorzustellen. Die Überlebenden sind repräsentiert durch eine Gruppe von Brustkrebsoperierten.

          Brenners Buch hat drei Teile: die Gruppenporträts, die Ikonen und die Zufallsauswahl vieler Fotografien aus dem amerikanischen jüdischen Leben, Zeichen eher als Szenen, die im Format von Kontaktabzügen am Ende des Bands stehen. Kaum ein Klischee findet sich darin; in all ihrer Künstlichkeit wird vielmehr eine Art kultureller Promiskuität sichtbar, so gerade in der Weihnachtszeit im "Dezember Dilemma". Chanukah Menorah oder Weihnachtsbaum, heißt die Frage, die viele Juden und auch jene in Brenners Inszenierung mit einem ratlosen, aber keinesfalls verzweifelten Kompromiß und der Kombination von beidem beantworten. Unsere Abbildung aus dem Jahr 1994 zeigt die New York Psychoanalytical Society. ("Jews / America / A Representation". Photographs by Frédéric Brenner. With an essay by Simon Schama. Harry N. Abrahms, New York 1996. 93 S., 75 Dollar.) VERENA LUEKEN

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