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Rezension: Sachbuch : Otempora, o mores

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Latürnich: Bei Asterix stimmt historisch nicht alles

          Schon den "Miles gloriosus" fand im Lateinunterricht niemand witzig. Aber der Tiefpunkt war eindeutig der übrigens bald abgebrochene Versuch, sich mit dem "Iter Gallicus", der lateinischen Version von Asterix' "Tour de France", anzubiedern. Schon sprachlich war das ganz unergiebig. Die zahlreichen Exklamationen bereichern kaum den Wortschatz, die Syntax ist zu simpel, die besten Scherze bleiben unübersetzt, und die deutsche Entsprechung kannten wir ohnehin fast auswendig. Vor allem störte, daß am Vergnügen etwas gelernt werden sollte, daß das Private ins Licht der Unterrichtsöffentlichkeit gezerrt wurde, daß irgendwie die Ordnung der Dinge durcheinanderkam.

          Mit "Asterix - Die ganze Wahrheit" verhält es sich kaum anders. Untersucht wird, was an Asterix historisch richtig ist. Das geschieht recht unsystematisch. Ein Teil des Buches reiht gar lexikalisch so seltsam gewählte Stichwörter wie "Eisenzeit", "Enthaupten", "Gastfreundschaft", "Idefix", "Xenophobie" ("Siehe Gastfreundschaft"). Es geschieht auch unvollständig. Der knappen Behandlung der romanisierten Gallier im "Kampf der Häuptlinge" wird viel Raum gewährt, die vielen fremden Völker, mit denen Asterix in Berührung kommt, fehlen ganz. Die Ausbildung bei der Legion wird untersucht, nicht aber das römische Bäderleben oder das Straßennetz. Und es geschieht in etwas zu gezwungen ungezwungenem Stil. "Jeder, der Cäsars Beschreibungen über den gallischen Krieg auf sich wirken läßt, versteht, was Goscinny in der Schule durchmachte. Trotz aller Schwierigkeiten mit dem lateinischen Text muß er gespürt haben, daß hier ein Feldherr zu Wort kam, der keine Gnade kannte." Trotzdem erfährt der Leser aus reichen Quellen eine ganze Menge über Mentalität und Lebensformen der Gallier.

          Leider werden "Asterix" dabei auch kleine Fehler nachgewiesen. Die realen Gallier trugen ihre Schwerter nicht wahlweise rechts oder links, sondern immer rechts. Die antiken Ambosse waren rechteckig und hatten keine hervorstehenden Enden, wie es in "Asterix der Gallier" noch richtig, später aber falsch gezeichnet wird. In der Legion wurden nur junge Männer einer Größe zwischen fünf Fuß, zehn Daumen und sechs Fuß für tauglich erklärt. Asterix hätte sich also gar nicht als Legionär verdingen können. Und treffend ist zwar, daß es gerade Häuptling, Druide und Barde sind, die durch den Sagus, den Umhang, als die Notablen des Dorfes ausgewiesen werden. Der Sagus wurde jedoch auch vom einfachen Volk getragen, ist also kein Distinktionsmerkmal. Die Gallier aßen übrigens gerne Fisch, "gebraten und gewürzt mit Salz, Essig und Kümmel". Die Wildschweinlastigkeit der Ernährung ist eher eine Reminiszenz an die homerischen Helden. Wobei die Verwendung von Essig und Kümmel, was die Autoren vernachlässigen, darauf deutet, daß tatsächlich damals manche Fische das Meer schon lange nicht mehr gesehen hatten.

          Warum will man das trotzdem alles gar nicht so genau wissen? Vielleicht weil in "Asterix" die Historie nur das verfremdende Material liefert. Bei dem Alesia, von dem die Alten nicht wissen, wo es liegt, geht es um die anciens combattants und bei dem Fisch, der direkt aus Lutetia kommt, um Rungis-Express. Aber eine Untersuchung, die das kleine gallische Dorf mit dem Mythos der France profonde und Cäsar mit dem französischen Antiamerikanismus in Verbindung brächte, gelänge kaum spannender. Die Bedeutung von Asterix in der Vermittlung von geschichtlichem Wissen oder in der aktuellen Zeitkritik zu suchen hat etwas so durchsichtig Apologetisches, daß es einem die eigene Vorliebe madig machen kann.

          In Wahrheit dürften Asterix-Zitate für uns die Rolle spielen, die bei unseren Großmüttern von Schiller-Zeilen eingenommen wurde. Dem "Sieh da, sieh da, Timotheus" antwortet heute ein: "Wie hat er mich bloß in dieser Verkleidung erkannt?" Wo es damals hieß: "Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe", paßt ein "Pssst. Sie könnte uns hören." Und das "Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb" ersetzt ein einfaches "Buhuhu". Ein Zitatenschatz aber lebt von prägnanten und allgemein bekannten Formulierungen, über die nicht allzuviel nachgedacht wird. GUSTAV FALKE

          René van Royen, Sunnyva van der Vegt: "Asterix - Die ganze Wahrheit". Aus dem Niederländischen von Nicole Albrecht. Verlag C. H. Beck, München 1998. 191 S., 160 Abb., br., 24,80 DM.

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