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Rezension: Sachbuch : Oscar Wildes Liebe nennt Namen

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Der erste Nachruf erschien 1921 auf der Titelseite einer Londoner Abendzeitung und war wenig schmeichelhaft. Ein Nichtsnutz sei er gewesen, exzentrisch und degeneriert, an den man sich eher wegen der Skandale, in die er verwickelt war, erinnern werde als aufgrund literarischer Verdienste. Das harsche Urteil blieb nicht unwidersprochen.

          Der erste Nachruf erschien 1921 auf der Titelseite einer Londoner Abendzeitung und war wenig schmeichelhaft. Ein Nichtsnutz sei er gewesen, exzentrisch und degeneriert, an den man sich eher wegen der Skandale, in die er verwickelt war, erinnern werde als aufgrund literarischer Verdienste. Das harsche Urteil blieb nicht unwidersprochen. Der Totgesagte selbst teilte der Redaktion sein Weiterleben telefonisch mit und schickte, als sie zwar die Falschmeldung, nicht aber ihre Einschätzung korrigierte, eine Verleumdungsklage hinterher, die ihm tausend Pfund Entschädigung für üble Nachrede eintrug. Tatsächlich starb Lord Alfred Douglas erst mehr als zwei Jahrzehnte später, vierundsiebzigjährig. Diesmal blieb der Nachruf einem amerikanischen Bewunderer überlassen, der sein Gedenken in folgende Verse goß: "Ich werde Dich nicht den Akolythen der Schönheit nennen, / wohl aber ihren Hohepriester auf dieser nebligen Insel, / wo die Heuchelei alles zu überwuchern droht, / wo die Scham Liebende wie Mehltau befällt." So kann man es offenbar auch sagen.

          Es gibt Dichter, von denen man nur eine einzige Formulierung in Erinnerung hat: "I am the Love that dare not speak its name." Diese Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt, wurde 1895 vom Staatsanwalt als Indiz für grobe Unzucht im Strafprozeß gegen Oscar Wilde zitiert. Die Zeile entstammt einem Gedicht von Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, der darin drei Jahre zuvor sein Verhältnis zum allseits gefeierten Salonlöwen, ironischen Ästheten und charismatischen Gesellschaftsautor formuliert hatte. Im Gerichtssaal aber brach alles Spiel der Zweideutigkeiten ab, als Wilde genötigt wurde, den Geschworenen jene namenlose Liebe zu erläutern. Die edelste, zarteste und reinste Form der Zuneigung spreche sich darin aus, bekannte er mit großem Gestus und poetischem Furor, wie die Bibel sie von David und Jonathan, die platonischen Dialoge von Sokrates und seinen Schülern oder Shakespeares Sonette sie vom Barden und seinem adligen Patron berichte. In der märtyrergleichen Selbstauslegung von Douglas' Liebeslyrik riß Wilde sein Publikum ein letztes Mal zu Ovationen hin. Anschließend wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt. Drei Jahre später starb er im Exil. Die Nachricht von seinem Tod empfing keine respektvoll erschütterte, sondern eine lustvoll selbstgerechte Nachwelt.

          Doch die Annahme, daß solche Schändlichkeit der Welt ganz unversehens und plötzlich über eine glückliche Liebesbeziehung hereingebrochen sei, geht fehl. Zwar war es zuletzt Bosies Vater, der den Skandal und die gerichtliche Auseinandersetzung mit Wilde provozierte (und Wilde war es, der verblendet genug meinte, sich darauf einlassen zu können). Von Anfang an jedoch stand die Passion zwischen dem irischen Hohepriester der englischen Décadence und dem Oxforder Studenten unter ständigem Druck erpresserischer Enthüllungen, ja schien ihre Intensität gerade aus gezielter Indiskretion zu gewinnen. Nach ihrer ersten, eher flüchtigen Begegnung in Londoner Salons eilte Wilde im Frühjahr 1892 nach Oxford, weil sein junger Verehrer dort, wie er sagte, Schutz vor inkriminierenden Briefen brauchte. Wilde nutzte die Gelegenheit, die Bekanntschaft zu vertiefen. Die Photographien jener Zeit - beide im Sommeranzug, Rose im Knopfloch, Zigarette im Anschlag, Bowler Hat und Strohhut - zeigen nur die onkelhafte Seite dieser Leidenschaft; die andere Seite spielte in den Vergnügungshöhlen von Picadilly, wo man sich die Strichjungen gegenseitig abjagte oder auch selbstlos überließ.

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