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Rezension: Sachbuch : Originelles Völkchen, diese Funktionäre

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Lustig ist das Reisekaderleben: Wie Jürgen Kuczynski an den Abgründen des Jahrhunderts entlangbalancierte / Von Mark Siemons

          7 Min.

          Unter den mehr als viertausend Veröffentlichungen, auf die es der kommunistische Wirtschaftstheoretiker Jürgen Kuczynski im Lauf seiner 93 Jahre gebracht hat, nimmt dieses, jetzt kurz nach seinem Tod erschienene Buch eine herausragende Stellung ein. Es vereint zwei Talente Kuczynskis, die man, der Ehrfurcht gebietenden Fülle seiner wissenschaftlichen Äußerungen zum Trotz, vielleicht als seine bemerkenswertesten bezeichnen kann: die Gabe zu erzählen und seine Fähigkeit zur Freundschaft. Der Dokumentarfilmer Thomas Grimm hat Gespräche, die er in den letzten fünfzehn Jahren, vor allem aber noch dieses Frühjahr mit Kuczynski über dessen "Freunde und gute Bekannte" führte, niedergeschrieben.

          Auf die liebenswürdigste Weise spricht Kuczynski da über die zahllosen Berühmtheiten, die er seit seiner Kindheit im "großbürgerlichen" Vaterhaus - ein Ausdruck, auf den er wie der befreundete Stephan Hermlin immer wieder gerne zurückkommt - kennengelernt hat. Zuweilen erschrickt er selber über sein Alter. Er sei der letzte Überlebende, der Walther Rathenau noch persönlich gekannt habe, eröffnete ihm kürzlich ein Filmreporter; und Hanne Hiob, die ältere Tochter Brechts, wollte Näheres über Karl Liebknecht wissen: Er sei ja schließlich der einzige, der sich noch an ihn erinnern könne.

          Nicht, daß man sehr viel Überraschendes über die Porträtierten erfahren würde. Kuczynski unterzieht seine Zeitgenossen nicht einer zergliedernden Analyse, er läßt sie meistens unversehrt in ihrer Berühmtheit und Bedeutung. Einstein zum Beispiel lernte er kennen, als er ihn zu einer Vorlesung an der Marxistischen Arbeiterschule durch eine berüchtigte Zuhälterstraße begleiten sollte. Das letzte Mal sah er Einstein im Exil in Princeton, wo er ihn im Auftrag der KPD besuchte: "Traurig-weise beurteilte er die Weltsituation. Nicht bitter, aber auch ohne fröhliche Kampflust, die er früher bisweilen zeigte." Mit Brecht ergab sich nach dem Krieg ein reger Tauschhandel, Zigarren gegen Detektivromane. "Und so kam er zweimal die Woche, klingelte, hielt in der einen Hand die Zigarre und in der anderen Hand den Detektivroman, den er zurückbrachte. Ich hielt in meiner Hand einen neuen Detektivroman. Ich glaube, manchmal sagten wir nicht einmal ,Guten Tag', sondern tauschten nur schweigend die Zigarre und den Roman."

          Die Haltung gegenüber den meisten, über die Kuczynski spricht, ist die einer rückhaltlosen Bewunderung. Häufig läßt er es bei einer knappen enthusiastischen Charakterisierung bewenden: Hans Mayer "war immer prächtig"; Wilhelm Pieck war "ein weiser, geistig und allgemein menschlich gebildeter Sohn der Arbeiterklasse"; und Anna Seghers erst: "wie lustig und wie ernst und traurig konnte sie sein"! Für die meisten gilt, was er resümierend über Ilja Ehrenburg sagt: "Nein, er war ein prächtiger Mensch." Er erzählt, wie Ehrenburg einmal Anna Seghers aus der Patsche half. Anfang der fünfziger Jahre kam deren Roman "Die Toten bleiben jung" heraus, und Ulbricht stellte, ein Stalinsches Diktum aufgreifend, die vernichtende Frage: "Wo bleibt die Partei?" Schon erschien die erste ungünstige Rezension im "Neuen Deutschland". Als Ehrenburg kurze Zeit später in Berlin war, erzählte ihm Kuczynski von dem Problem, worauf dieser ein Zusammentreffen mit Ulbricht und der Seghers anregte. Dabei kam dann die Rede auf den Roman, und Ulbricht fuhr erwartungsgemäß auf: "Ja, aber wo bleibt die Partei?" Ehrenburg erwiderte: "Ja, Genosse Walter Ulbricht, das haben wir uns auch während des Krieges gefragt." Damit war die Situation für Anna Seghers gerettet. Kuczynski: "Schön von Ilja, wie er das gemacht hat. Nein, er war ein prächtiger Mensch."

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