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Rezension: Sachbuch : Optionen machen unfrei

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Gegenwärtig nehmen die Kritiker der Normwissenschaften vor allem das Menschenrechtsdenken ins Visier, das zum üppigsten Gewächs im Zaubergarten des Naturrechts emporgeblüht ist. "Wer Menschheit sagt, der will betrügen", urteilte Carl Schmitt, und Milosevic spricht es ihm nach. Kant hat derartigen Verdächtigungen eine Konzeption von grandioser Schlichtheit entgegengesetzt.

          Gegenwärtig nehmen die Kritiker der Normwissenschaften vor allem das Menschenrechtsdenken ins Visier, das zum üppigsten Gewächs im Zaubergarten des Naturrechts emporgeblüht ist. "Wer Menschheit sagt, der will betrügen", urteilte Carl Schmitt, und Milosevic spricht es ihm nach. Kant hat derartigen Verdächtigungen eine Konzeption von grandioser Schlichtheit entgegengesetzt. Das angeborene Recht, so erklärte er in der "Metaphysik der Sitten", sei nur ein einziges: "Freiheit (Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür), sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann, ist dieses einzige, ursprüngliche, jedem Menschen kraft seiner Menschheit zustehende Recht." Charles Taylor kritisiert die "Negativität" eines solchen Freiheitsverständnisses; es reduziere Freiheit zu einem Spielraum von Optionen und thematisiere den Gedanken erfüllten Menschseins nur gleichsam in der Möglichkeitsform. Erst mit der Idee der positiven Freiheit werde der Schritt von der Möglichkeit zur Wirklichkeit eines freien Lebens vollzogen.

          Aber dieser Schritt ist - wie der Bochumer Philosoph Walter Schweidler in seiner Aufsatzsammlung klarmacht - gerade nicht Sache des Staates, sondern des Bürgers. Insofern sind negative und positive Freiheit keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Die Freiheit, unter Respektierung fremder Lebensentwürfe den eigenen Weg zu finden - sei es in Religion, Berufstätigkeit oder sonstigen identitätsprägenden Bereichen -, ist nach Schweidler das menschliche Urrecht schlechthin, und alle Menschenrechtskataloge dienen nur dazu, dieses Urrecht für besonders bedeutsame Lebensbereiche zu konkretisieren.

          In diesem Sinne hätten die Menschenrechte den Sinn, ein Verhältnis zwischen uns aufrechtzuerhalten, innerhalb dessen die Unvergleichlichkeit jedes einzelnen von uns wahrnehmbar bleibe. Kraft seines Menschenrechts sei jeder gleichermaßen berechtigt, seine "Fähigkeit, sich lernend und verstehend zu seinem Leben als einer begrenzten, selbstverantwortlich zu gestaltenden Spanne Zeit zu verhalten", handelnd einzusetzen und zur Entfaltung zu bringen. Der Grund der Menschenrechte, jene Würde, die der Eingangsartikel des Grundgesetzes für "unantastbar" erklärt, trägt demzufolge nach Schweidler der biographischen Einzigartigkeit eines jeden menschlichen Lebens Rechnung. Zu Recht hebt der Autor hervor, daß ein solches Menschenrechtsverständnis mit westlichem Überlegenheitsdünkel nicht das geringste zu tun habe: "Es soll nicht jeder leben wie wir; aber es soll jeder Stellung zu der Frage nehmen können, wie er leben will, und zwar Stellung nehmen gegenüber seinen eigenen politischen Repräsentanten - und nicht dergestalt, daß er vor ihnen davonläuft und zu uns kommt."

          Gerade um der positiven Freiheit der Bürger willen darf das Recht somit die Freiheit nur in der Möglichkeitsform kennen. Hingegen führt es zu großer moralischer Verwirrung, wenn das einzelne Individuum seine Freiheit im Sinne eines bloßen Ensembles von Möglichkeiten mißversteht. Selbstbestimmung heißt für den einzelnen immer auch Selbstbeschränkung. Irgendwann ist es zu spät, um Lokomotivführer oder Kurienkardinal zu werden. Wer sich statt dessen mit einer Existenz als Professor begnügt, hat zwar zahllose alternative Handlungsoptionen eingebüßt, aber an Lebensernst und Erfahrungstiefe womöglich gewonnen. Ein Authentizitätsverständnis, das Lebenserfüllung an der Anzahl der verfügbaren Handlungsoptionen mißt, verfehlt demgegenüber solch grundlegende ethische Phänomene wie Verläßlichkeit und Treue. Mehr noch: Wie Schweidler zeigt, unterminiert ein von ihm so genanntes "optionalistisches" Denken das der Menschenrechtsidee zugrunde liegende Persönlichkeitsbild selbst.

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