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Rezension: Sachbuch : Offene Münder: Reiner Kunze fotografiert Koi

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Kitsch! zuckt es unwillkürlich durch den Kopf, doch gleich wird es still, sobald man durch die Oberfläche des Buches blickt, unter der sich nicht weniger abzeichnet als die Entdeckung des Individuums im Schuppenkleid. Der Lyriker und Schriftsteller Reiner Kunze hat mit stupenden Photographien und ...

          Kitsch! zuckt es unwillkürlich durch den Kopf, doch gleich wird es still, sobald man durch die Oberfläche des Buches blickt, unter der sich nicht weniger abzeichnet als die Entdeckung des Individuums im Schuppenkleid. Der Lyriker und Schriftsteller Reiner Kunze hat mit stupenden Photographien und einfühlsamen Texten nachgezeichnet, was sein Blick am selbstgebauten Teichrand wahrnimmt, und ehe man sich's versieht, interessiert man sich für Koi, für Farbkarpfen.

          Eine Zeitlang setzt man sich ans Ufer und versinkt blätternd im Anblick der wunderbaren Mutationen, die chinesische und seit dem neunzehnten Jahrhundert vor allem japanische Züchter aus dem Speisefisch hervorgelockt haben: Von Silbrig-Blau über Weiß-Rot-Schwarz bis zu Braun und Schwarz reicht das Spektrum. Eine Übersichtstafel ermöglicht die Identifizierung der Varietäten, und so kann man die einzelnen Tiere durchgängig wiedererkennen. Die meisten sind handzahm, sie unterscheiden sich alle durch ihr Verhalten beim Füttern - gierig, zurückhaltend, verspielt -, einer reagiert auf Zuruf. Das schwarze Exemplar mit dem gelb-orangen Bauch bekommt sogar etwas wie Schicksal. Seine Sprünge aus dem Wasser sind nicht Ausdruck der Lebensfreude, sondern Spätfolge einer Schwimmblasenentzündung, die den Fisch meist auf dem Grund liegen läßt. Nur unter höchster Anspannung kann er sich zum Ausgleich an die Oberfläche hochreißen. Sein Leben währte kurz, wiewohl die anderen Koi jedem matten Artgenossen stupsend beiseite stehen.

          Wer je das Glück hatte, zu zweit in ummauertem Garten einen Sommertag am Beckenrand zu versinnen, wird lange zögern, auch nur ein Steinchen in das Farbenspiel dieses Idylls zu werfen. Dennoch muß dies getan werden. Schon viele Leser Prousts oder Nabokovs haben sich den Orchideen oder den Schmetterlingen zugewandt und versenkt in die individuellen Zeichnungen von Blütenblättern, Chitinpanzern und samtigen Flügeln, aber dennoch so, daß Kunst und Natur in asymptotischer Spannung blieben. Kunzes Buch fehlt dazu die objektivierende Form, und so changiert es unentschieden zwischen Sachbuch und meditativer Lebenshilfe: Nüchterne Beschreibung der Koi und die durch sie verkörperte Utopie gewaltfreier Solidarität und zweckfreier Schönheit stehen unvermittelt nebeneinander.

          Gerade die Zitate aus Juan Ramón Jiménez' "Platero", mit denen Kunze seine Gedanken überhöht, belegen das Defizit. Der Esel, mit dem der spanische Dichter einst durch Mojer streifte, ist zur literarischen Figur durchgestaltet, die von keiner Kamera je hätte eingefangen werden können. Reiner Kunzes Koi bleiben hingegen durchaus ästhetische Exemplare im Privatbesitz, die wir nun im Familienalbum mitbetrachten dürfen. Daraus resultiert ein leises Unbehagen, denn küssende Koi brauchen wie Filmstars im close up oder Robert Doisneaus Liebende vor allem eines: Diskretion. So mag man gerührt oder wissend an der Schwerelosigkeit des Fischkusses teilnehmen, aber muß man auch gleich in den oralen Abgrund photographieren, der sich dem fütternden Finger entgegenreckt? Die Koi-Gemeinde wird das anders sehen und den Band neben den Bestseller "Koi - König der Gartenteiche" stellen; sieben Auflagen in einem Jahr zeugen für eine boomende Branche. Lesern der politischen Lyrik Kunzes bleibt indessen der Mund offenstehen.

          THOMAS POISS.

          Reiner Kunze: "Der Kuß der Koi". Prosa und Fotos. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002. 168 S., geb., 49,90 [Euro].

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