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Rezension: Sachbuch : Odysseus ist gewissermaßen Kolumbus

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Klaus Rosen entdeckt die Griechen als Entdecker der Welt und der Wissenschaft: Als in der Schule die Nacherzählung durchgenommen wurde, kann der Bonner Althistoriker nicht gefehlt haben

          An propädeutischen Einführungen in die griechische Geschichte herrscht im deutschen Sprachbereich kein Mangel. Doch während diese den Leser häufig mit vielen Einzelheiten, Quellen- und Forschungsproblemen, nicht zuletzt mit Gelehrtennamen und wissenschaftlichen Apparaten überschütten, wählt der Bonner Althistoriker Klaus Rosen eine andere, originelle Methode. In scheinbar unprätentiöser, tatsächlich jedoch sehr viel schwierigerer Form ging er daran, die griechische Geschichte bis zum Jahr 338 vor Christus nachzuerzählen. Seine Darstellung wendet sich sowohl an junge Leser, "denen Geschichte in der Schule Freude macht", als auch an ältere, "die sich die Freude an Geschichte bewahrt haben".

          Rosen verfügt über die Fähigkeit, elementare Fragen zu stellen. So beginnt sein Buch mit kurzen Abschnitten: "Was ist Geschichte?" und "Warum griechische Geschichte?". Nach knappen Bemerkungen über Geschichte, Geschichtsquellen, Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung wird am Beispiel der modernen Olympischen Spiele die Aktualität griechischer Geschichte aufgezeigt. Kurze Hinweise auf die politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen der Griechen skizzieren die Bedeutung der Thematik; Schilderungen von Geographie und Besiedlung Griechenlands schließen die Prämissen ab.

          Mit der Beschreibung von Mykene setzt dann die eigentliche Darstellung ein. Rosens persönliche Ergriffenheit von Landschaft und Denkmälern gestaltet hier eine der gelungensten Partien des Bandes, in welcher die Verzahnung von Erzählung und Bild besonders geglückt ist. Zur Wirkung des Berichtes tragen Abschnitte über Schliemanns Funde und über die Entzifferung der Linear-B-Schrift wesentlich bei; zu gedrängt ist dagegen die Schilderung der Kultur des minoischen Kreta. Im folgenden Überblick über die "dunklen Jahrhunderte" (1200 bis 800) stehen die "kulturelle Revolution" der Eisengewinnung und -verarbeitung wie eine Interpretation von attischen Vasenbildern im Mittelpunkt.

          Sehr viel ausführlicher als all dies erörtert der Erzähler dann die homerische Welt: Die 27 803 Verse von Ilias und Odyssee eröffnen nach ihm den Zugang zu den Griechen. Das Problem der Identität des Dichters wird deshalb ebenso berührt wie das Verhältnis zwischen oral poetry, Schrift und Buch. Während die Analyse der Ilias notwendig die Kontroversen um Troja berührt, die Unterschiede zwischen Homers Gestaltung und historischen Fragestellungen hervorhebt, Homers Funktion als Lehrer der Griechen wie als Künder der olympischen Götter unterstreicht, leitet die Interpretation der Odyssee in ganz andere Zusammenhänge über. Hier wird einerseits Odysseus eindringlich charakterisiert, dieser andererseits als Leitbild für eine allgemeine Nachzeichnung der homerischen Gesellschaft genommen. Deren wirtschaftliche Grundlagen, speziell auch die Rolle der Sklaverei, sowie der geographische Rahmen der beiden Epen sind sicher erfaßt. Nüchtern und ohne großes Pathos ist so der Anfang der europäischen Literatur und damit zugleich "ein Stück Weltliteratur" vergegenwärtigt, der erste große Erzähler griechischer Geschichte durch den nacherzählenden Historiker gewürdigt.

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