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Rezension: Sachbuch : Obi hat eine Kreativabteilung

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Die Belesenheit des Baumarkts ist doch sehr zu begrüßen

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          "Kreativität ist lernbar. So die Kernbotschaft von Edward de Bono. Die Funktionsweise unserer Wahrnehmung und unseres Denkens ist in bezug auf Standardsituationen sehr gut ausgeprägt, neue Ideen lassen sich damit kaum entwickeln. Dem gegenüber stehen die von de Bono verbreiteten und hier erläuterten Kreativitätstechniken des Lateralen Denkens oder Die sechs Hüte des Denkens, mittlerweile weltweit bekannt. Richtig angewendet, einzeln oder in Gruppen, können Denk- und Diskussionsverhalten zugunsten einer kreativen Unternehmenskultur fundamental geändert werden."

          Die Ankündigung des Sauer-Verlages verspricht viel - zunächst steht dagegen, daß mir diese Techniken bisher unbekannt waren, zumindest dem Namen nach. Ich muß gestehen, daß nicht einmal der Name Edward de Bono mir bisher geläufig war.

          Dem Band 39 der "Arbeitshefte Führungspsychologie" entnehme ich, daß "Edward de Bono, geboren 1931 in Malta, als der international führende Experte für kreatives Denken und unmittelbare Vermittlung von Denktechniken angesehen" wird. Von wem er so angesehen wird, erfahre ich auf der Homepage seines Unternehmens "APTT - Advanced Practical Thinking Training" in Des Moines, Iowa.

          Die Referenzliste ist eindrucksvoll und reicht vom Baumarkt Obi bis zu den Vereinten Nationen. Exxon, Ford, General Motors, Guinness, Hoechst, IBM, Kodak, Nasa, Nestlé, Shell - alle lernen bei Edward de Bono. Und Edward de Bono hat sein Lernziel hoch gesteckt: "Teaching the world to think. It has to be done!" Wenn ich dergleichen lese, regt sich Mißtrauen in mir und führt mich zu mißgünstigen Fragen: Ist der Mann nur übermotiviert oder bereits übergeschnappt? Windbeutel oder Beutelschneider? Was treibt ihn sonst um: Genie oder Wahnsinn? Oder ist er bloß einer dieser Scharlatane, die hochstaplerisch mit Begriffen jonglieren, die in Chefetagen und Volkshochschulen gerade Konjunktur haben?

          "Über zweitausend Jahre" unkreativen Denkens will de Bono auf seine Art überwinden. Zu diesem Zweck veröffentlichte er bisher schon mehr als sechzig Bücher, die in fünfunddreißig Sprachen übersetzt wurden. Zuvor promovierte er in Medizin und Psychologie und hatte Lehrstühle an den Universitäten Oxford, Cambridge, London und Harvard.

          Alles erste Adressen - dagegen fällt Recklinghausen, Sitz des deutschen Tochterunternehmens "FkD - Forum für kreatives Denken", ein wenig ab.

          Dr. Andreas Novak ist de Bonos Prophet in Deutschland und "seit 1992 selbständig tätig mit den Schwerpunkten Kreativitätstechniken, Innovationsworkshops, Mediation (Konfliktlösung), Management-Coaching, Organisations- und Teamentwicklung". Auch mit solchen Wortschöpfungen kann er bei mir nur schwer Punkte machen.

          Der Titel seiner Broschüre "Schöpferisch mit System" klingt zwar bescheidener, doch gleich im zweiten Satz stört ein Pleonasmus: "Dieses Buch handelt von Kreativitäts- und Denktechniken. Pate steht dabei Edward de Bono, mit dem ich das immer angenehme Vergnügen hatte, bei diversen Gelegenheiten zusammenzuarbeiten." Unangenehmes Mißvergnügen empfinde ich auch bei Erfolgsmeldungen wie dieser: "Mit weltweit gut 160 000 Teilnehmern in Seminaren" sei de Bonos patente Methode "eines der erfolgreichsten Seminarprogramme", zumal wenn man bedenke, "daß die Zahl der Nutzer über ein Vielfaches der Zahl der in einem Seminar trainierten Teilnehmer hinausgeht". Letzteres ist mathematisch schlicht unmöglich.

          Damit jedoch ist der kritische Teil meiner Besprechung auch schon beendet. Denn was sonst auf den knapp 90 Seiten von Novak referiert wird, klingt vernünftig. Zunächst wird die Beschränktheit unseres "linearen Denkens", das auf Standardsituationen mit Musterbildungen reagiert, anhand einiger Denksportaufgaben recht pfiffig vorgeführt. "Statt linear können wir auch lateral denken", das heißt bei de Bono "quer zu den Mustern". Denn er hat erkannt: "Humor hat das gleiche Prinzip." Setzen wir Humor gleich Komik, kann ich ihm nur recht geben: "Kreativität hat sehr viel mit Humor zu tun." Um zu bestätigen, daß dieser Lehrsatz auch umgekehrt gilt, muß man nicht selbst in der Komikproduktion tätig gewesen sein. Ich weiß jedoch aus jahrzehntelanger Praxis, daß de Bonos kleine Lockerungsübungen, Reizwortspielchen und Zufallseinstiege durchaus Erfolge versprechen. Novak nennt das "Provokations- und mentale Bewegungstechniken", wobei noch zwischen "Umkehr-, Flucht- und Wunschdenken-Provokationen" fein unterschieden wird. Gradmesser der Provokation ist jedenfalls "Gewagtheit".

          Es gibt immer mehr als eine Verbindung zwischen vorgegebenen Elementen, und wenn sie überraschend genug ist, wirkt sie komisch. Darauf zu kommen ist eine Frage der Zeit und der Hartnäckigkeit. "Kreativität hat insofern auch immer etwas mit Disziplin zu tun."

          "Jeder Witz" bestätigt laut de Bono "die Existenz des Nebenweges". Und: "Hier liegen die neuen Ideen." Daß die Notwendigkeit abwegiger Ideen derzeit in der Unterhaltungsindustrie verkannt wird, ist wiederum eine meiner Erfahrungen, die um so schmerzlicher wird, wenn ich hier lese: "Im Geschäftsleben ist das längst anerkannt." Es versöhnt mich, wenn zugegeben wird, daß auch dort "Bedenkenträger" und "Ideenkiller" angestellt sind, die notorisch "Schwierigkeiten mit dem Neuen" haben. Altdenker dieser Art möchte de Bono nun unter "Die sechs Hüte des Denkens" bringen, die den Träger auf "paralleles" statt "kontroverses Denken" verpflichten sollen. Je nach Hutfarbe sind Information, Emotion, Judikation, Affirmation, Kreation oder Mediation angesagt, und zwar jeweils für jeden, der sich an einer Gesprächsrunde beteiligen will. Die passenden Kappen sind beim FkD im Set zu bestellen. Kostenpunkt 60 Mark.

          Gewiß, das Rollenspiel klingt ein wenig nach Waldorf-Kindergarten, aber mir ist diese "Entscheidungsfindungs-Kultur" immer noch lieber, als wenn bei jedem neuartigen Gedanken alle Warnleuchter aufheulen, nur um hinterher sagen zu können, sie hätten ja rechtzeitig gewarnt. Denn auch das hat de Bono richtig erkannt: "Es besteht auch bei den besten Ideen immer ein Risiko."

          Ohne dieses Restrisiko ist nichts Neues zu haben. Und eine neue Idee kann gut sein, selbst wenn es nicht die eigene ist. In jedem Fall kann eine Idee nur verbessert werden, wenn alle sie sich zumindest probeweise zu eigen machen. Wer wollte das bestreiten?

          Dr. Andreas Novak sicher nicht, er kann abschließend nur staunen: "Erstaunt bin ich über die fundamentale Änderung des eigenen, aber auch des Denk- und Diskussionsverhaltens anderer . . ." Mich hat am Ende mehr gefreut, wie wenig ich an meinen Denkgewohnheiten verändern müßte, um einen Obi-Baumarkt auf Vordermann zu bringen.

          "Der Charme der Methode liegt genau in der Flexibilität." Und da liegt auch der Charme de Bonos, der mit seinem Paralleldenken zwar einerseits eine "fundamentale Änderung des Diskussions-, aber auch Denkverhaltens" anstrebt, andererseits jedoch jedem alleinseligmachenden Heilsglauben abschwört und Andersdenkenden Hoffnung läßt: "Es gibt einen Platz und eine Zeit, wo dieses kritische Denken vollständig richtig und sinnvoll ist."

          Ich fand, hier und jetzt durfte auch einmal etwas ganz hutwillig gelobt werden. It had to be done.

          BERND EILERT

          Andreas Novak: "Schöpferisch mit System". Kreativitätstechniken nach Edward de Bono. I.H. Sauer Verlag, Heidelberg 2000. 90 S., 10 Abb., br., 22,- DM.

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