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Rezension: Sachbuch : Nur keine Sentimentalitäten

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Manche nennen es Tötung auf Verlangen, andere sprechen von Euthanasie

          Im vergangenen Sommer konnten wir es am Oderbruch beobachten. Zuerst geht es ganz langsam: Der Druck auf den Damm steigt, der Damm hält noch, wird aber schon feucht. Schließlich brechen sich einige Rinnsale Bahn. Der Damm bricht.

          Den Dammbruch als Metapher muß begriffen haben, wer die wohlkalkulierte Schärfe einer neuen Intervention in die Euthanasiedebatte begreifen will. "Töten oder sterben lassen?" heißt das Buch, das zum größten Teil von dem Philosophen Robert Spaemann und dem Psychiater Thomas Fuchs verfaßt worden ist. Die kämpferisch gestimmten Autoren sehen schon in der immer lebhafter werdenden Debatte um die Legalisierung der aktiven Euthanasie jenen Damm in Gefahr, der uns vor Massentötungen unseligen Angedenkens schützt. Es geht dabei keineswegs nur um die an sich schon brisante Frage, ob der Arzt dem dringenden Todeswunsch eines todkranken Patienten willfahren solle. Vielmehr geht es auch um das Leben derjenigen Kranken, die entweder bis zu ihrem natürlichen Ende weiterleben wollen oder wegen Bewußtlosigkeit gar nicht erst gefragt werden können. Folgt man der exzellenten Recherche von Thomas Fuchs, dann sind die Dämme in den Niederlanden schon aufgeweicht. Hier werden - mit zunehmender Tendenz - pro Jahr bereits 140 Patienten ohne oder gegen ihren Willen in den Tod geschickt.

          Die Legalisierung der Tötung auf Verlangen übe, so Spaemann, einen gefährlichen Sog auf alle todkranken Patienten aus. Denn es sei leicht denkbar, daß die Angehörigen oder auch Ärzte einen mehr oder weniger subtilen Druck auf den Kranken dahingehend ausübten, er möge doch von der Möglichkeit nun auch Gebrauch machen. Aus den Niederlanden referiert Fuchs erschreckende Fälle, beispielsweise diesen: Eine junge krebskranke Patientin, die durch Morphium nahezu beschwerdefrei ist, sagt ihrem Arzt, sie wolle keineswegs getötet werden und bis zu ihrem natürlichen Ende leben, was er ihr auch verspricht. Am Wochenende wird dieser Arzt von einem Kollegen vertreten. Er gibt ihr die zwanzigfache Morphiumdosis, worauf die Patientin stirbt. Am Montag zur Rede gestellt, rechtfertigt sich der vertretende Arzt damit, daß schließlich ihr Bett gebraucht werde.

          Daß die Deutschen in ihrer Praxis noch nicht soweit sind und bei uns die aktive Euthanasie trotz anschwellenden Gegendrucks bislang untersagt ist, hängt natürlich mit unserer Vergangenheit und dem Massenmord an sogenannten Geisteskranken durch die NS-Diktatur zusammen. Zu Anfang des Buches berichtet Cordelia Spaemann über den NS-Propagandafilm "Ich klage an" von 1942. Dieser von Goebbels' Propagandaministerium initiierte und pathetisch-menschelnde Film sollte die Bevölkerung auf den Massenmord an den Insassen deutscher "Irrenanstalten" vorbereiten. Eine bildschöne, junge Pianistin erkrankt an multipler Sklerose und möchte von ihrem Gatten, einem Arzt, getötet werden. Nach einigem Widerstreben erfüllt der Mann ihren Wunsch als letzten Beweis seiner Liebe. Der Witwer wird angeklagt und klagt nun seinerseits die Gesetze an, die es verhindern, daß ein "sinnlos" Leidender nicht getötet werden darf. Auch ein Pfarrer unterstützt den Angeklagten mit kruden Bemerkungen über Vernunft und Gott, Liebe und Medizin.

          Der Tübinger Weltethiker Hans Küng, der ja vehement für die Freigabe der aktiven Euthanasie ficht, muß es sich nun gefallen lassen, von Robert Spaemann ausdrücklich als Geistesverwandter jenes Pfarrers aus dem Goebbels-Film entlarvt zu werden. Beider Beharren auf einer angeblich gottgewollten Autonomie menschlicher Vernunft gebe "damit ein wesentliches Element jenes Ethos auf, welches alle großen Religionen miteinander verbindet".

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