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Rezension: Sachbuch : Null zu sein, bedarf es wenig

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Der Psychotiker kann nicht denken, das heißt, er hat die Geburt der Negation aus der Abwesenheit nicht erlebt. Das abwesende befriedigende Objekt ist für ihn ein böses anwesendes Objekt. Bion unterscheidet sich vom Psychotiker, der über einen Hund nur sprechen kann, wenn der Hund "anwesend" ist, dadurch, daß er psychische Probleme bearbeiten kann, auch wenn sie nicht "im Raum" sind. Von daher haben seine Analogien zur Mathematik einen ganz technischen Sinn, sie ermöglichen es, über Abwesendes zu sprechen, sie geben "leere" Symbole an die Hand. Auch die Sprache der Deutungen muß leer genug sein, um den Psychotiker nicht mit Metapern zu ängstigen, die ihn alsbald wieder verfolgen.

Die Wahrheit erfordert Mut, denn jede Transformation in Richtung Wahrheit bringt einen katastrophischen Umschwung mit sich. Bions "O" ist beides: einmal die Erfahrung als solche und dann auch das Heilungsziel. Die eigentliche Erfahrung ist als Totalität nicht erträglich, das Heraussprengen dieser spezifischen Erfahrung aus der Totalität ist der Beginn der Transformation. Jeder, der über Erfahrung spricht, tritt in die ontologische Differenz zwischen O und dessen Transformationen ein. Es gibt krankmachende Transformationen und solche, die Zukunft eröffnen, weil sie das Heilungsziel O nicht verstellen. Geheilt ist jemand, um es mal ganz unpsychoanalytisch zu sagen, der weiß, daß seine Erfahrung letztendlich nicht sagbar ist und den das nicht mehr bedroht.

Die Realität ist nicht prädizierbar wie Kants Ding an sich, sie ist, was der Fall ist, was nicht besprochen werden kann, aber besprochen werden muß. Bions Ding an sich ist "O". Wir müssen diese ursprüngliche Erfahrung einholen, aber das ist nicht eine absolute Erfahrung, sondern es gibt viele Os. Die Erfahrungen, die der Patient wieder einholen soll, sind eine Pluralität, nicht eine Einheit wie das Heideggersche Sein.

Mit seinem "O" nimmt Bion sozusagen den Doppelsinn von Kants Dings an sich auf, den die Neukantianer verworfen haben. Sie warfen es unter der Maßgabe eines unmystischen Funktionalismus als Relikt metaphysischen Denkens über Bord. Bei Kant vibriert es zwischen zwei Polen: Das Ding an sich ist das unerkennbare, hypothetisch angenommene Substrat von Phänomenen, es ist aber auch der letzte Antrieb der Subjektivität, den man als solchen nie greifen kann, die Quelle der Spontaneität und Freiheit. Bion, einer der scheuesten Großmystiker, die wir kennen, umgibt seine mystische Potenz mit sehr viel ablenkender Apparatur, indem er uns immer wieder vorführt, daß ohne Mathematisierung kein Rahmen zu denken ist.

Auch wenn die mathematischen Unterscheidungen bis ins Spinnerte gehen, liest man das Buch doch mit Spannung weiter. "Transformationen" hat mehr Dimensionen, als der Autor zugeben möchte, der meint, sein Text sei nur die mehr oder minder schwer verständliche Beschreibung von Erfahrungen eines Analytikers. Nein, es ist zugleich ein Text, der konzipiert ist, um den Grundwiderspruch zwischen der Veränderung des Werdens einerseits und des Erkennens andererseits in literarischer Spannung und Schwebe zu halten. Es gibt keine Philosophie, aber es gibt das philosophische Denken. Denken stiftet Gemeinsamkeiten. Da die stabile Geltung des Tradierten in schwindelndem Tempo abnimmt, nutzt kein begriffsloses Lamento über die Zunahme psychotischer Symptombildungen in der Gesellschaft - von gewalttätigen Jugendlichen bis zum Kindesmißbrauch. Bion kann einem dabei den Rücken stärken, den "catastrophic changes", dem traumatischen Unbekannten, unlarmoyant zu begegnen.

Wilfred R. Bion: "Transformationen". Übersetzt, eingeleitet und mit einem Glossar versehen von Erika Krejci. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 245 S., geb., 48,- DM.

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