https://www.faz.net/-gqz-6q34u

Rezension: Sachbuch : Nüchterne Sinnlichkeit: Bilder von Herb Ritts

  • Aktualisiert am

          Herb Ritts liebt makellose Körper: die eingeölten Muskeln prominenter Athleten; nackte Männer im Sand oder eng umschlungen vor der Studiowand; und auf einer Aufnahme schmiegen sich gleich fünf der berühmtesten Mannequins unserer Tage sanft und hüllenlos aneinander. Herb Ritts liebt zerfurchte Gesichter: Die Konterfeis des gequält dreinschauenden Charles Bukowski, der verstohlen grinsenden Louise Bourgeois und des friedlich sinnierenden John Houston, die Augen geschlossen, den Kopf auf die Hände gestützt, erinnern im gleißenden Licht der Sonne an die erodierten Landschaften der amerikanischen Wüste. Herb Ritts liebt Blödeleien: Madonna fotografiert er im Bett, schielend, mit Mickymaus-Ohren; Tom Hanks schlüpft in eine Zwangsjacke; und Dizzy Gillespie bläst die Backen auf wie ein Frosch. Herb Ritts ist der Fotograf des optischen Superlativs. Nicht um Abbilder ist es ihm zu tun, er schafft Blickfänger mit dem Anspruch von Ikonen.

          Herb Ritts kam zufällig zur Fotografie. 1978 veröffentlichte er sein erstes Bild. Eher zögerlich folgten Modeaufträge und Porträts damals kaum bekannter Schauspieler wie Richard Gere, Brooke Shields und Demi Moore, deren kühle erotische Ausstrahlung er umsetzte in kühle erotische Schwarzweißfotografien. Laszive Posen wurden durch hochmütige, oft abweisende Blicke gebrochen. Der weitgehende Verzicht auf Requisiten schuf Nähe, die offensichtliche Selbstverliebtheit der Modelle hingegen Distanz. So entstand die paradoxe Stimmung nüchterner Sinnlichkeit.

          Heute zählt Herb Ritts zu den wenigen Lichtbildnern, die über den Umweg ihrer Star-Fotos selbst zu Stars geworden sind. Sein OEuvre gleicht einem "Who is Who" der amerikanischen Kultur, wie nun ein Bildband seines Werks belegt, der zu den größten und umfangreichsten Büchern zählt, die je einem Fotografen gewidmet wurden. Dabei wandelte sich im Laufe der Jahre sein Verhältnis zu den Schauspielern, Musikern und Malern. Der Umgang wurde vertrauter, sein Blick radikaler. Statt mit ihren Masken zu spielen, begann er nach dem Wesen seiner Modelle zu suchen. Seinen formalen Mitteln durchaus treu geblieben, der Präzision der scharfen Konturen und der harten Kontraste, scheint er immer häufiger die Erkenntnis illustrieren zu wollen, daß erst Charakter wahre Schönheit bedeutet. Unsere Abbildung zeigt das Fotomodell Tatjana Patitz. (Herb Ritts: "Werk". Knesebeck Verlag, München 1996. 412 S., 243 Abb., geb., 228,- DM.) F. L.

          Weitere Themen

          Sie sind so frei

          Film über die Jazz-Brüder Kühn : Sie sind so frei

          Vom Leid zum Leitmotiv: Stephan Lamby hat einen Film über die Brüder Kühn gedreht. Er zeigt, was die beiden Jazzmusiker können. Sie machen die Idee der Freiheit hörbar.

          Topmeldungen

          Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

          Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.

          Kretschmann zu Klimapaket : „Das ist doch ein Treppenwitz“

          Die Grünen in Baden-Württemberg lassen kein gutes Haar am Klimapaket der Bundesregierung, auf das die Koalition so stolz ist. So könne man nicht Politik machen, findet Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
          In Tipp-Kick-Manier: Robert Lewandowski trifft gegen Kölns Timo Horn.

          4:0 gegen Köln : Lewandowski trifft und trifft

          Spaziergang zum Oktoberfest-Beginn: Bayern München startet gegen Köln leicht und locker in die Münchner Festwochen. Der Torjäger vom Dienst ist gewohnt erfolgreich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.