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Rezension: Sachbuch : Noch 'n Diskurs

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Max Weber war er schnuppe, Heino Heinrich Nau nicht / Von Wilhelm Hennis

          2 Min.

          Arbeiten zur Wissenschaftsgeschichte der Nationalökonomie sind immer zu begrüßen. Die einstmals so wichtige "Dogmengeschichte" des für das Verständnis der "bürgerlichen" Gesellschaft so bedeutenden Faches schien in Deutschland bis vor kurzem kaum noch Interesse zu finden. So freut man sich auf die hier anzuzeigende Arbeit: Ihr Titel weckt Neugier.

          Aber schnell wird man enttäuscht. Warum über die im Titel versprochene große Thematik hinaus auch gleich noch eine "Diskursgeschichte der deutschsprachigen Ökonomie" für die Zeit von 1871 bis 1914 ankündigen? Als "Wissenschaft vom Menschen" hatte Max Weber die Nationalökonomie in der Freiburger Antrittsvorlesung von 1895 bezeichnet. Die Formel kann vielleicht wirklich neue Aspekte in Webers zyklopischem Werk erschließen. (Der Rezensent muß sich hier zur Partei erklären: Im vergangenen Jahr veröffentlichte er Studien zu Weber unter dem Titel "Max Webers Wissenschaft vom Menschen".) Ich sehe allerdings nicht, daß der Verfasser diese Linie weiter verfolgt hätte. Aber eröffnet Webers Formel nicht auch für das Werk von Gustav Schmoller und Karl Menger neue Zugänge?

          Vielleicht, in Naus Buch ist davon aber nicht die Rede. Daß Mengers Werk als "Menschheitswissenschaft" zu verstehen sei, wird behauptet, aber mit keinem Wort erläutert. Unverbunden stehen die kenntnisreichen, aber nichts Neues bietenden Kapitel über Schmoller, Menger und Weber nebeneinander. Damit doch ein diskursfähiges ökonomisches Quartett zustande kommt, führt Nau als Vierten im Bunde den Bonner Nationalökonomen Heinrich Dietzel (1857 bis 1935) ein. Joseph Schumpeter, Dietzels Nachfolger in Bonn, hat diesem eine "einzigartige Sterilität seiner wissenschaftlichen Botschaft" bescheinigt (Geschichte II, S. 1040). Nau, ansonsten Schumpeter mächtig verpflichtet, verschweigt uns diese Prädikatsnote, liefert der wackere Dietzel ihm doch den Begriff, über den sich der "Diskurs" angeblich abgespult hat: "Sozialökonomik".

          Nun weiß Nau natürlich, daß diese Bezeichnung in der Nationalökonomie der von ihm behandelten Ära - außer für Dietzel - für niemanden die geringste, die Sache näher definierende Bedeutung hatte. Daß Webers Verleger den "Grundriß der Sozialökonomik", durchaus im Einklang mit dem Rat Webers, so nannte, hatte Verlags- und Buchhandelsgründe. Nau referiert korrekt, wie schnuppe Weber die Titelfrage war und daß der Begriff der "Sozialökonomik" in "Wirtschaft und Gesellschaft", Max Webers großem Beitrag zum "Grundriß", keinerlei irgendwie präzisierende oder definierende Rolle zukam. Warum muß man eine im übrigen kenntnisreiche Anfängerarbeit so aufmotzen?

          Heino Heinrich Nau: "Eine Wissenschaft vom Menschen". Max Weber und die Begründung der Sozialökonomik in der deutschsprachigen Ökonomie 1871 bis 1914. Duncker & Humblot, Berlin 1997. 402 S., br., 112,- DM.

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