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Rezension: Sachbuch : Noch einen Blick, Herr Hirsch, nur noch einen!

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Was jeder Sonderermittler über Akten wissen sollte, steht bei Cornelia Vismann

          4 Min.

          "Kartoffeln gehören in den Keller. Und Akten in die Registratur." So einst das Credo eines arbeitserfahrenen Richters. Doch nicht alle lieben leere Büros und blanke Schreibtische. Zu ihrer mitunter kreativitätstheoretisch aufgemotzten Chaostheorie gehören augenscheinlich aufgetürmtes Papier in Massen und gegebenenfalls ganze Stapel von Akten. Oder sie sind ganz einfach unfähig, Ordnung zu halten. Andere - manchmal dieselben - haben flink den flotten Spruch parat: Quod non est in actis, non est in mundo. Woraus sie, vermutlich pfiffig, folgern: Je reicher die Welt, desto praller die Akten. Doch das pralle Leben steht da nicht drin. Wie käme es auch hinein? Etwa durch die, die Akten anlegen? Oder die, die sie bearbeiten? Womit exakt beschrieben ist, was Akten regelmäßig widerfährt. In der Tat: Sie werden "bearbeitet". Und deshalb steht diese bürokratieträchtige Vokabel bei Cornelia Vismann zu Recht kursiv gedruckt. Und obendrein ganz vorn in ihrer Dissertation.

          Die kann, heutzutage schon fast ein singuläres Ereignis, auch von Studenten erstanden werden. Als Taschenbuch. Sie sollten das Buch lesen, um zu sehen, was man jenseits des üblichen Dissertationsdesasters Interessantes entdecken kann. Gerade Juristen erhalten hier eine Akteneinsicht, die ihnen sonst nicht geboten wird. Doch nicht wenige von ihnen werden zunächst staunend fragen: Akten, eine Ansammlung von losen oder gehefteten Papieren - na und? Was soll denn da, losgelöst von deren Inhalt, Besonderes dran sein? Sind Akten an sich ein Problem?

          Bleiben wir bei dem im Untertitel des Buches angesprochenen Phänomen des Rechts. Brauchen Richter Akten? Jedenfalls haben sie mehr als genug davon. Kein Prozeß läuft aktenlos. Wo kämen auch sonst die Aktenzeichen her? Indessen: Der entscheidende Teil des Strafverfahrens zum Beispiel ist regelmäßig die mündliche Beweisaufnahme; und zur Urteilsfindung darf nichts herangezogen werden, was da nicht zuvor zur Sprache gekommen ist. Zur Sprache! Auch das Urteil wird - im wahrsten Sinne des Wortes - gesprochen. Allerdings danach auch zu Papier gebracht. Anders gewendet: Unsere Rechtskultur ist nicht durchgängig Schriftkultur. Aber stets und notwendig Sprachkultur. Wer es modern möchte, mag deshalb auch sagen: Medienkultur.

          Daß das Medium der gesprochenen oder geschriebenen Sprache in der Rechtstheorie mit Ausnahme der Rechtslinguistik bislang gebührend thematisiert worden wäre, dürfte niemand ernstlich behaupten wollen. Um so erfreulicher, daß es jetzt aktenkundig wird. Und dies im vielleicht letztmöglichen Augenblick des noch sinnvollen Redens und Schreibens über Akten. Denn: "Wenn Akten als stilisierte Bilder-Zeichen oder Icons auf den Monitoren von Computern zu sehen sind, kündigt sich darin die Schließung der Epoche der Akten an." Doch ehe die Akten - nach "Form und Format" nicht selten "mit Bindfäden verschnürte Konvolute oder verchromte Ordner im DIN-Format" - ein für allemal, so es denn wirklich geschehen sollte, "im physisch Realen verschwinden", macht Cornelia Vismann ein vielleicht letztes Mal "sichtbar, was sie für die Institutionen des Abendlands gewesen sein werden".

          Eine herausragende Rolle spielt dabei die "Akte aus Akten", wie die schreibgewandte und stilsichere Autorin treffend den Codex Justitianus nennt. Herrlich, daß sie uns daran erinnert, was dort auch geschrieben stand: Das Recht sei "ab antiquis fabulis an bereinigt worden", damit Studenten beim Lernen künftig "nichts Unnützes und nichts Falsches mehr aufnehmen, sondern nur das, was im Rechtsleben wirklich gilt". Hier könnten die Reformatoren des Jurastudiums fündig werden. Deren Eifer freilich am Ende so lange für die Katz sein wird, als etwa ein Drittel der Jüngerinnen und Jünger des Rechts der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtig sind. Wohl wahr: "Worte lassen sich leichter ordnen als Territorien", wie von der Autorin in einer ihrer zahlreichen historischen Aktenstudien richtig bemerkt und treffend belegt wird. Woraus zwar keineswegs zwingend folgt, aber einsichtig wird, daß nach den wilden Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges "das Terrain der Sprache zum Rückzugsgebiet politischen Handelns geworden" war.

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