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Rezension: Sachbuch : Nieder mit der Empirie!

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Einstein war in der schwierigen Lage, mit Gedankenexperimenten und philosophischen Überlegungen gegen eine Naturtheorie vorgehen zu müssen, an deren empirischen Erfolgen nicht zu rütteln ist. Bohr hätte sich auf den bequemen Standpunkt zurückziehen können, daß der Zwang, sich irgendwie mit den durch die Quantenmechanik beschriebenen Phänomenen anfreunden zu müssen, stärker ist als jede noch so einleuchtende weltanschauliche Behauptung über das Wesen der Realität. Aber Bohr ließ sich auf das Abenteuer ein, eine physikalische Theorie nicht nur an der Natur, sondern auch an ihren philosophischen Konsequenzen zu messen.

Erst nach vielen Jahren gelang es Einstein, seine Intuitionen mit dem EPR-Paradoxon von 1935 so weit zu schärfen, daß er sich mit seinen Einwänden gegen Bohrs flexible Rechtfertigungen halbwegs verständlich machen konnte. Bohrs frühere Ausführungen über die "Komplementarität" entlarven sich als fadenscheiniges Marketing, das den Käufern der Quantenmechanik ein gutes philosophisches Gefühl suggerieren sollte. Aber der erfrischend neue philosophische Standpunkt, den Bohr in der Quantenmechanik angepriesen hat, verdirbt einige der Grundannahmen über den Inhalt naturwissenschaftlicher Forschung, auf die seriöse Wissenschafter nur ungern verzichten.

Kopfüber ins Paradoxon

Die Schwäche von Einsteins Argumentation lag in seiner Hoffnung, damit bewiesen zu haben, daß die Quantenmechanik unvollständig sei und demnächst von einer grundsätzlich verschiedenen Atomtheorie abgelöst werde. Die Bohr-Einstein-Debatte hat einen Konflikt zwischen dem philosophisch geläuterten Alltagsverständnis von Realität und der modernen Physik vom Zaun gebrochen, der im Laufe der Zeit nicht aufgelöst, sondern immer schlimmer wurde. Die Kompromißvorschläge werden um so irritierender, je länger Physiker und Wissenschaftsphilosophen über die Gegensätze nachdenken und immer neue Paradoxien finden.

Noch im Jahr des EPR-Paradoxons veröffentlichte Schrödinger sein "burleskes" Katzen-Paradoxon, das die Messung quantenmechanischer Zustände von einer alltäglichen Laborantentätigkeit in ein tiefsinniges philosophisches Rätsel verwandelt. Durch eine lange Reihe neuerer Gedankenexperimente und mathematischer Beweise von Leuten wie Andrew Gleason (1957), John Bell (1964), Simon Kochen und Ernst Specker (1967) wissen wir immer genauer, was uns an der Quantenmechanik stört. Sie ist eine essentiell statistische Naturtheorie mit nichtlokalen Wechselwirkungen. Zugleich wissen wir durch immer subtilere Messungen und mittlerweile sogar durch die geglückte technische Realisation einiger Gedankenexperimente in den Labors, daß die empirische Zuverlässigkeit der quantenmechanischen Vorhersagen Einsteins Hoffnung auf ihr baldiges Ende völlig aussichtslos macht.

Die Kuriosität der Natur verdirbt die einfachen Erklärungsversuche. Die Bemühungen, verständliche und trotzdem kompetente Bücher darüber zu schreiben, werden von diesem Umstand arg in Mitleidenschaft gezogen. ULRICH KÜHNE

Christoph von Mettenheim: "Popper versus Einstein". On the Philosophical Foundations of Physics. Mohr Siebeck, Tübingen 1998. 238 S., geb., Abb., 98,- DM.

Carsten Held: "Die Bohr-Einstein-Debatte". Quantenmechanik und physikalische Wirklichkeit. Schöningh Verlag, Paderborn 1998. 292 S., br., 88,- DM.

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